Schwören Sie nicht, edles Mädchen, unterbrach mich die Prinzessin. Sie fühlen jetzt so schön und groß! Wird dies Gefühl Dauer haben können? Sie sind jung, auch Sie lieben, Sie werden sich vermählen, eigene Kinder werden dies fremde Kind von Ihren Armen hinweg, aus Ihrem Herzen drängen. Rasch sind Gelübde gethan, schwer, oft unendlich schwer sind sie zu erfüllen und dauernd zu halten.
Ich weiß, welche Pflicht ich übernehme! entgegnete ich der Prinzessin. Nie will ich von diesem Kinde mich trennen, wie meinen Augapfel will ich es hüten und bewachen, und zwar so lange, bis Höchstsie selbst oder von Ihnen Beauftragte es von mir fordern werden.
Die Prinzessin umarmte mich unter Thränen; nie vergesse ich den rührenden Anblick dieser unglücklichen und durch ihr Kind doch so glücklichen jungen Mutter. Welchen Lohn, rief sie schluchzend aus: welchen Lohn darf ich Ihnen bieten, der würdig wäre der Größe meines Dankgefühls?
Einen Lohn, Prinzessin? rief ich bestürzt aus. Welchen Lohnes wäre ich bedürftig? Keines anderen als Ihrer Liebe!
Es wurde nun Alles ernst und ruhig unter Zuziehung des Beirathes meiner Mutter besprochen. Das Kind sollte von mir aufgezogen werden, vorerst vor allen Augen unberufener Neugier geborgen; unser an das Haus anstoßender Garten war geräumig genug, ihm die Wohlthat frischer Luft täglich zu gönnen, auch war das Kind völlig gesund. Unter geheimen Aufschriften wurden die Orte bestimmt, wohin allwöchentlich Nachricht von seinem Befinden gegeben werden sollte, auch ward verabredet, der Kleinen ein Zeichen einzuätzen, daran die Mutter oder der Vater sie erkennen könnten, und als das einfachste Zeichen solcher Art schlug ich vor, die Anfangsbuchstaben ihres Namens S. C. B. zu wählen. Die Prinzessin schüttelte erst mit dem Kopf, als wolle sie meinen Vorschlag verwerfen – augenscheinlich mißfiel ihr der bäurische Name – mit einemmale aber überstrahlte Freude ihr Gesicht, als sie ein wenig nachgesonnen hatte, und sie rief: Ja, theure Angés, nicht anders, nicht anders, als S. C. B.! Das muß ja nicht Botta heißen? Nicht wahr? O, es kann ganz anders heißen! C–B– ja, so ist es recht, so sei es! Wohl kann es anders heißen, es kann Namen bedeuten, denen nicht viele gleichstehen auf Erden an Glanz und Hoheit, Alter und Ehre, wenn sie auch die Zeit, gewiß nicht für immer, verdunkelt hat und eine blutrothe Wolke vor jene große Sonne getreten ist.
Voll Verwunderung hörte Frau Windt diese Mittheilung an; mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht blickte sie auf das Kind, das da neben ihr im kleinen Stübchen unbefangen und in holder Unschuld saß und Charpie zupfte, vielleicht für die Wunden eines Kriegers, der dem Vater dieses Kindes und seiner Mutter die Rückkehr in das heißgeliebte Vaterland erkämpfen helfen wollte. Thränen der Rührung traten in die Augen der freundlichen Frau, als ihr fragender Blick auf Angés fiel, denn Frau Windt erging es wie Faust’s Famulus bei Goethe: sie wußte nun viel, doch mochte sie gern vollends Alles wissen. Angés fuhr fort:
Noch kein Jahr war das Kind bei uns in heimlicher Pflege, und mein einziges Glück, meine liebste Zerstreuung; sein Lächeln war Balsam auf mein trauerndes Herz, da ich mich von Leonardus treulos verlassen glaubte, da kam die neue Bekanntschaft, mit ihr mein Unglück. Von allen Seiten wurde ich bestürmt, ich willigte endlich ein, doch nur unter der Bedingung, daß ich nicht von dem Kinde mich trennen müsse. Meine Mutter fragte brieflich an, schilderte alles treulich, doch theilte sie der Prinzessin nur mit, daß ich mich verheirathen würde und fest entschlossen sei, das Kind als mein eigenes mit mir zu nehmen – und so willigte diese denn ein, sandte reiche Geschenke und eine nicht unbedeutende Geldsumme zur Verpflegung des Kindes und Bestreitung aller seiner Bedürfnisse. Oh, sie hat mir auch nicht wenige Sorge gemacht, die kleine liebe Sophie, sie hat zweimal an Kinderkrankheiten darniedergelegen, doch mein brünstiges Gebet für ihre Erhaltung wurde erhört, auch aus der größten Noth half Gottes allmächtige Hand, der ich nun hier in stiller Demuth vertraue, und hoffe, daß er das Kind und mich wieder glücklich nach der Heimath führen und geleiten werde. Dann werden Sie, beste Frau Windt, schloß Angés mit lieblichem Lächeln: die lange getragene Doppellast los.
Sie waren und sind mir in Wahrheit keine Last, gute Angés! versetzte Frau Windt. Bleiben Sie bei Ihrem Gottvertrauen, denn Gottes Rath ist wunderbarlich und führet es herrlich hinaus.