Großes und Wichtiges drängte sich in gleichem Maße wie die Fülle hier versammelter bedeutender Persönlichkeiten in die Macht des Augenblickes zusammen. Windt wurde als Commandant des Kastells mit belobenden Worten flüchtig vorgestellt und auf seine Anfrage, was es mit den Gefangenen werden solle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht auch noch füttern! Er gab Befehl, daß Ludwig und Leonardus sie mit einigen Reitern nach dem Strome mit Zurücklassung aller ihrer Waffen geleiten sollten, wobei freigestellt blieb, ihnen sammt und sonders auf fühlbare Art die Wiederkehr zu ähnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der Abtheilung, welche die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, schloß auch Philipp sich an, der sich im Felddienste zu einer ungemein kräftigen Natur entwickelt hatte und guten Takt nebst einer stets zum Dreinschlagen bereiten Herzhaftigkeit an Tag legte.
Philipp sah sich mit scharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger, verbissener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres Weges gingen, und heftete fest und anhaltend seine Blicke auf jenen Sprecher und Schreier, der kurz zuvor eine Art Häuptling der nichtsnutzen Bande gespielt. Einmal drückte er sein Pferd so nahe an diesen Gesellen heran, daß derselbe unwillig in seiner Muttersprache laut wurde. Ha Kiebitz, dich kenn’ ich! dachte Philipp und ließ den Marodeur nicht mehr aus den Augen.
Am Rheinufer, wo das Schiff in nächstmöglicher Nähe von Doorwerth anhielt, gab es nun eine nicht eben ästhetische Scene, vielmehr gab es viele und sehr bedeutende Prügel und flache Klingenhiebe von Seiten der Reiter auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, während dessen Philipp von seinem Braunen sprang, diesen dem Reitknecht von Leonardus zu halten gab und sich dicht an den Franzosen drängte, auch denselben bis hart an den ziemlich hohen und vom Wasser schroff abgespühlten Uferbord folgte und ihn schützte, als einer der Kameraden auch auf diesen losfuchteln wollte. Als aber der Franzose so eben im Begriffe war, seinen Fuß nach dem Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit starker Hand am Kragen, riß ihn zurück, schüttelte ihn derb und tüchtig und rief ihm spöttisch zu: Bürger, wenn ich nicht irre, so dürstet Euch wieder? He? Und seht so schmutzig aus, Bürger! Habet lange kein Bad genommen! Nehmet man jarst diar jahn üp! – und mit einem gewaltigen Griff, gegen den kein Sträuben half, nahm Philipp den Franzosen, hob ihn auf beiden Armen hoch in der Schwebe und gab ihm einen Schwung, daß er einen Burzelbaum in der Luft schlug und Kopfüber hinab in den Rhein schoß, zur großen Ergötzlichkeit derer, die es sahen.
Philipp! Philipp! bist du toll! zürnte Graf Ludwig, der zu spät diese That gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatisch und wie in gutem Recht: Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Hauptmann, das war der verdammte »Ueppasser« von Paris – hat lange nicht kalt gebadet, der Kerl! – Dort nach dem jenseitigen Ufer hinüber sah man den Franzosen schwimmen wie einen Frosch; mit Noth gewann er den halb in das Wasser gesunkenen Stamm einer alten Weide, an den er sich hielt, seine Rettung abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem Wasserstand, zu tief, als daß es an dieser Stelle zu erklimmen gewesen wäre, und mit wüthender Grimasse drohte er herüber.
Windt entließ mit freundlichem Danke seine Hülfsmannschaften, nicht ohne Anweisung, sich auf seine Kosten für ihren raschen Zuzug gütlich zu thun; der größere Theil der Fürsten und der hohen Generalität setzte sogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange bereit war, und der Erbherr führte, indem er einen Theil der Truppen Jenen zu folgen, einen anderen zum Verweilen beorderte, seine hohen und erlauchten Gäste in das Kastell ein, das er nun als sein Eigenthum vorläufig ansah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schlosse alle Kräfte auf, das Mögliche zu thun, was zu leisten war, damit die kleine Bewirthung, zu welcher der Erbherr mehrere seiner hohen Gönner und Freunde eingeladen, doch einigermaßen eine Art habe, und es fehlte auch keineswegs an Eß- und Trinkmitteln, noch an helfenden Händen; die Kamine eines kleinen Saales waren schnell geheizt, ganze Batterien von Flaschen berühmter Weine rasch aus den Tiefen, in denen sie ruhten, an das freundliche Licht des Tages gefördert, und es boten sich westphälische Schinken, hannoversche Würste, holländische Käse, marinirte Fische, hamburger Rauchfleisch und dergleichen gediegene Waaren in genügender Fülle zur Auswahl der Gäste dar, die mit soldatischem Muth mörderlich einzuhauen und das edle Blut der Reben zu vergießen begannen.
Das heiß ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Hast und Unruhe seiner Frau zu, als er ihr und Angés den Besuch mit kurzen Worten meldete und die Mithülfe beider Frauen im Beschicken des nöthigen Tischzeuges erbat – ja Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der holländischen Sprache eigen ist und so viel bedeutet, wie das deutsche: Alles durcheinander wie Kraut und Rüben.
Indessen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, so war Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren gehörten der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen, eine jugendlich schöne Gestalt, zarter gebaut, wie sein fürstlicher Freund, blond, herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswürdigkeit verkündete. Diese beiden jungen Herren hatten sich ein wenig abgesondert, ohne daß es auffiel, und ihr Gespräch galt nicht dem belagerten Nimwegen, nicht dem Hauptquartier, nicht den Armeen – es galt nur einem kleinen Kinde.
Deine beiden Günstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann, die Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhoon – sprach der fremde Prinz.
Wo die sind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir ungleich Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines theueren Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können.
Hier? Und mir? Wie so, Oranien?