3. Der Spion.


Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz wußte und ihn verlangte, gewissere Nachrichten über den Stand der Dinge auf dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen Maßregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine Flüßchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den Bürgermeister nach seinem Ausdruck »zu bezahlen«, dafür, daß dieser gleichsam über das Kastell verfügen zu wollen sich erdreistet hatte; dann setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre sie an das linke Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch die unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in die weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen die Linge, über welches sich eine steinerne Brücke spannte und bis zum Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trübe Flut wälzte. Längs der Wahl immer westwärts reitend, näherten sich die Freunde mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da begegnende Landleute nach den jüngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheu und furchtsam, mißtrauisch und träge, und nahm um so weniger Antheil daran, ob der Freund oder der Feind siege, weil es längst die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich schlimmer mit ihm machen könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße theilte, denn, sagte er, die Englischen und Holländischen nehmen, was sie finden – und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen Fall nehmen können, dies ist logisch und unumstößlich richtig.

Die Freunde nahmen wahr, daß die Landleute, sobald sie des Reitertrupps ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und Weidenbüsche verkrochen, in Gräben duckten, und sich so eilig unsichtbar zu machen suchten, wie die Feldmäuse, die hie und da noch aus ihren Löchern geschlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig erzürnte. Die Reiter sahen schon den mächtigen Kirchthurm von Thiel vor sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle gelangt, wo zwischen dem Dörfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege kreuzten, als Windt’s scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er schon einmal und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher Mensch eine blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefärbte Beinkleider; ein breitkrämpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser Mensch hatte scharf nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt hinter Erlen und Weiden nieder, die am Ufer eines Grabens standen.

Wieder so ein verdammter Ausreißer! rief Windt. – Er hatte es aber noch nicht völlig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer geschickten Schwenkung so rasch um das Gebüsch herum, daß er jenem Menschen in dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am Ufer befestigten Kahn springen wollte. Der Flüchtling erschrak, lief rechts, da kam ihm Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus mit lautem Anschrei entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser zurück, während er ein Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp ritt stracks auf ihn zu, und hätte ihn unfehlbar über den Haufen geritten, wenn er nicht in die Knie gesunken wäre und gerufen hätte: Mille pardon! mille pardon! während er die Waffe aus der Hand warf.

Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, der Ça ira-Mann von der Balustrade!

Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu thun?

Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt’ ihn gleich von Weitem an seinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll ich ihn in die Wahl schmeißen?

Da hätte er die Wahl zwischen Seine und Rhein! lachte wortspielend Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuscht mich nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand.

Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefühl wilder Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängst als Führer einer Bande das Schloß mit großer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte. Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges Leben.