4. Drei Frauenherzen.
Am Jungfernstiege stand mitten unter den andern palastgleichen Häusern der schönsten Straßen Hamburgs ein altes Gebäude von gediegener Aufführung im reinsten und edelsten Style der Renaissance. Weitbogige vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eisengitter sicherten die Fenster des untern Geschosses gegen Einbruch, metallene riesige Löwenköpfe trotzten an dem schweren Eichengetäfel der Thürflügel, die mit vergoldeten Bronzebändern in gekreuzter Gitterform überdeckt waren, wie grimmige Wächter. Das Portal zierten füllreiche Karyatiden, und über demselben hoben sich unter einer fürstlichen Krone, kunstvoll in Marmor gehauen, zwei schräg aneinander gelehnte Wappenschilde.
Das eine dieser Wappenschilde zeigte auf einer großen Tafel von Lapis Lazuli, aus massivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz.
Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichsgräfin.
Bis zu dem Dachgesimse hinan war die Außenwand dieses Palastes mit reizenden steinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geschmückt, und hinter den doppelten Spiegelscheiben der hohen Fenster nickten herrliche Blumen, die schönste Winterflora, die nur immer von den Gewächshäusern der bedeutendsten Kunstgärtnereien Hamburgs geboten werden konnte. Die Matrone saß in einem höchst vornehm, aber wohnlich eingerichteten Zimmer, dessen Boden mit weichen Teppichen belegt war, dessen Sophas schwellende gestickte Kissen bedeckten, und dessen Wände einige Oelbilder von guten Künstlern zierten, darunter auch an einer Wand vereinigt drei reizende Seitenstücke von der Meisterhand Philipp Wouwermann’s, darstellend die drei Schlösser Varel, Kniphausen und Doorwerth, mit im Genre dieses berühmten Künstlers mannichfach belebten Vordergründen. Die Matrone saß, wie sie gewohnt war, von Büchern, Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armsessel am Schreibpult, und überlas eine so eben von ihr selbst entworfene Schrift:
»Interims-Quittung.
Für zwanzigtausend Mark Hamburger Banco, welche Uns von Seiten Unsers ältesten Herrn Enkels, des Grafen Wilhelm Gustav Friedrich, Grafen zu Varel, In- und Kniphausen, Herrn zu Rhoon und Pendrecht u. s. w., nach Maßgabe der mit demselben in Betreff Unserer habenden und dargelegten beträchtlichen Anforderungen sowohl, als wegen einer Cession Unserer Herrlichkeit Doorwerth cum pertinentis geschlossenen Haupt-Conditionen zum Vergleich (dessen völliger Abschluß und Vollziehung durch die inmittelst eingetretenen Zeitläufte bisher behindert worden) in Abschlag des am 3. September jüngst bereits zu entrichten gewesenen ersten Terminis von fünfzigtausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns, reservatis reservandis in Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen.
Charlotte Sophie.«