Es ist schrecklich, wie dies junge Herz sich über seine Jahre betrübt, spöttelte lächelnd die Reichsgräfin. Sieh doch mich an! Und wie alt ist Ludwig?
Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von Erinnerungen stürmte auf sie ein, und mit einem Gefühle tiefster Wehmuth sich auf die Hände der Gräfin niederbeugend, flüsterte sie: Darf ich denn noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter!
Du darfst es ohne Scheu, ohne Erröthen, theure Georgine, entgegnete sanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von seiner herrischen überstolzen Reneira, du warst frei, beide verletztet ihr kein drittes Anrecht, ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch vermählen, nur wenige Hindernisse waren noch zu beseitigen, dein Vater, der dir den Gemahl schon ausersehen, wollte noch nicht einwilligen, ihr erlagt dem Sturme eurer Leidenschaft, wie Tausende vor und nach euch, es wäre Alles noch in das rechte Geleise gebracht worden und dein Bewerber, der Großschatzmeister von Irland, hätte dir entsagen müssen, da starb mein armer Sohn Johann Albert auf seinen Gütern in Norfolk, und du, Aermste, wurdest als heimlich verlobte Braut schon Wittwe. Mir war es eine traurige, aber eine süße Pflicht, dich ganz unter die Flügel meines Schutzes und meiner Liebe zu nehmen, und Schloß Varel lag so einsam und so fern von London, und du warst bei mir zu Besuch auf lange Zeit, und ich konnte unseres Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich selbst es, die dir anrieth, deine Trauer zu bannen, dein Herz stark zu machen, dem Willen deines Vaters Gehorsam zu leisten und die Hand des Mannes anzunehmen, der sich mit glühender Neigung um die Gunst der gefeiertsten Schönheit Londons bewarb und statt einer Grafenkrone mit einer Herzogskrone dein Haupt schmücken wollte. Du warst nicht nur schön, über alle Maßen schön, meine theure Georgine, du warst auch klug, du bezwangst dein Herz, folgtest meinem mütterlichen Rathe und bist noch immer, nachdem zwanzig Jahre seit deiner Vermählung vergangen sind, eine schöne, bewunderte, beneidete und eine glückliche Frau!
O, ich weiß, welche Fülle von Liebe, Güte und Großmuth ich Ihnen danke, beste Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rührung. Und Ludwig? fragte sie leise, von Neuem erglühend.
Ich habe einen Brief, antwortete die Gräfin, doch nicht du allein sollst ihn hören; es schlägt noch ein Herz unter diesem meinem Dache, das Theil an ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe würde von Glück sagen können, wenn junge Herzen so voll Liebe für ihn schlügen, wie hier zwei ältere und mein – uraltes.
Das ewig frisch und jung bleibt!
Ist Schmeicheln geistreich, meine geistreiche Georgine? Sage, das ewig treu und wahr bleibt, so lange nämlich diese irdische Ewigkeit noch dauert.
Nicht auch drüben, meine Mutter?
Ich hoffe, daß es ein Drüben gibt, und wenn es ein Drüben gibt, so denke ich nicht, daß dort ein Herz sich selbst untreu werden könne, zumal wenn es hienieden sich und Andern treu war.
Dies Gespräch unterbrach der Eintritt einer dritten und zwar jüngeren, sehr zarten Frau, deren Aussehen matt und leidend war, und die sich von den beiden schon anwesenden Frauen liebevoll begrüßt sah.