Der Abend war da und die Säle strahlten; die Versammlung fand sich ein, zahlreich und glänzend – es ging ein widerlicher Moschusduft durch die Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Diesen ganz abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die Frauenwelt, außerordentlich salonwürdig und angenehm.
Alles glänzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffüren und der großen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in große Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meist unglückliche Zeitgenossen und Personen der ermordeten Königsfamilie Frankreichs darstellten. Die Taillen waren von mehr als bäuerischer Unform, von einer fast fabelhaften Kürze und die schönen herrlichen Formen des weiblichen Oberkörpers erschienen in dieser Verkürzung als ein auffallender Gegensatz zu dem endlos lang erscheinenden Unterkörper. Die Kleider und Roben selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und garnirt, doch herrschte in ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu großen und füllereichen Gestalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war die bekannte des Zeitalters, bei den Deutschen mehr einfach, bei den Franzosen mehr als je gesucht und auffallend, als wolle man den guten Deutschen so recht bemerklich machen, was Mode sei. Die Herzogin trug sich nach altenglischer Weise, sie trug noch eine Art Reifrock, hatte die wundervollste Taille, eine Büste zum Anbeten, strahlte von Juwelen und überstrahlte alle, selbst die jüngsten Damen, an Glanz und Pracht ihrer äußeren Erscheinung. Viele Französinnen blickten mit Neid auf die schöne Tochter Albions, und Georgine schien in Wahrheit die ihr in Ueberfülle dargebrachten Schmeicheleien zu bestätigen, daß sie einer Fee gleiche, die aus einer andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu bezaubern, was gewürdigt ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen.
In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehörigen der Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland Vertriebene, nicht wie geächtete Flüchtlinge, sondern mit allem Pomp eines regierenden Hofes – grand cortège – ein Heer von Kammerdienern voraus, eine Schaar hoher Militärpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere – dann nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme führend seine Nichte Marie Therese, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte Herzogin von Angoulême; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von Angoulême, der Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des Grafen von Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Königs Victor Amadeus III. von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph von Bourbon, Herzog von Condé, an seinem Arm die reizende Prinzessin Charlotte von Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne weibliche Begleitung ein schöner, junger, schlanker Herr in reicher Militärtracht, dem ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegerischem Waffenschmuck, aber mit Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser Letztere war der nächste Verwandte der Reichsgräfin, war Charles Bretagne Marie Joseph Herzog von Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont; er stand im Heere des Herzogs von Condé, das er mit ihm auf kurze Zeit verlassen hatte, und die Abzeichen seiner Trauer galten seinem Vater, dem Herzog August Philipp, dem tapfern Vertheidiger des Königthums, der früher als treuanhänglicher Adjutant des Grafen von Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten hatte, endlich aber als Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen Vendéer in Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Königshaus mit dem Tode büßte. Kein Wunder, daß der junge Prinz von Talmont ernst einherschritt, und daß man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich und Andere zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen wie des Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte.
Die Assemblée hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und förmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche dasselbe etwas, das vermißt werde und nicht zu finden sei. Waren es die Räume des Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlösser von St. Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier gesucht und nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs Himmel in das idyllische Schäferdörfchen von Klein-Trianon zurück? Wer vermochte dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen? Man sprach, man lächelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging sich auch zum Theil in hohlen Phrasen.
Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgräfin mit dem schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France – ah – la France ist im Hotel d’Aldenbourg zu Hamburg.
Ein Höfling, einer der Boutier’s, schnappte diese fade Schmeichelei auf und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund, wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen, meist falschen Gesichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend über die Volksaufstände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen Aufständen die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend, an die man sich zu klammern versuchte. Daß bei dem furchtbaren Mangel an baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und dadurch die geld- und besitzlose Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen baldigen Umschlags gedeutet.
Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Kästchen herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein gefertigt und mit Purpursammt ausgefüttert war, und als sie es öffnete, erblickten die um sie Versammelten eine Anzahl einzelner, mit einem schwarzen schmalen Seidenbändchen gebundener greiser Locken.
Sehen Sie hier, meine allerhöchsten und allergnädigsten Gäste, sprach die Matrone mit Ernst und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche freilich nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht mit dem Blute des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese Locken, die einst blond waren, und die der Kerker in kurzer Frist weiß färbte. Eine treue Hand setzte sich in den Besitz dieses Haares und übergab es der meinen, und die meinige soll nicht weniger treu befunden werden. Sie alle, meine hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren gemeinsame Abstammung aus dem uralten Königshause Capet Sie dem Hause Bourbon verbindet, sollen von mir, wie von ihr, der Unvergeßlichen, eine dieser Locken zum Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer unglücklichen Königin, es ist das Haar Marie Antoinettens von Frankreich!
Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwischen zwei feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite die Chiffre MA und darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der andern aber der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewöhnlich zu unterzeichnen pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben.
Prinz Talmont stand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und sprach ernst über die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen Talmont wenig, und noch am Wenigsten bei dem jüngeren Prinzen Condé hervortrat, bekämpfte die eitle Selbsttäuschung, welcher die Emigranten sich hingaben, indem sie sagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unseres Thomson mittheilen, mein Prinz, nicht um Ihr Gefühl zu verletzen, oder irgend einem Würdigen damit weh zu thun, das sei ferne; aber im Allgemeinen ist auf Ihre geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort anwendbar, welches lautet: »Wo bist du, lügenhafte Eitelkeit? Ihr immer lockenden, ihre immer täuschenden Wünsche, wo seid ihr und was Anders erreichtet ihr, als Beunruhigung, Kummer und Gewissensbisse? Ach und dennoch, schwer niederbeugender Gedanke! ist kaum ein Auftritt des gauklerischen Trugspiels abgespielt, so erwacht aufs Neue der getäuschte Mensch aus kurzem Schlummer, gestärkt von neuer Hoffnung, zu des schwindelvollen Kreislaufs abermaligem Beginn.«