Nun sann der Küster auf ein andres Stücklein, das dem Hänschen auf alle Fälle das Gruseln beibringen sollte. Er hieß ihn die Abendglocke läuten, schlüpfte aber noch vor ihm heimlich hinauf in die Glockenstube, und als Hänschen zur Treppe hinauf war und den Strang zur Abendglocke faßte, hörte er von der Treppe her einen dumpfen stöhnenden Laut. Wie er sich umsah, stand dort eine große weiße Schleiergestalt starr und unbeweglich. „Wer bist du? Was willst du?“ fragte Hänschen, ohne daß ihn nur im mindesten gegruselt hätte. Keine Antwort. „Ich frage dich, wer du bist?“ rief Hänschen mit stärkerer Stimme. Keine Antwort. „Hast du kein Maul, Schneemann? Noch einmal: Was willst du?“ Keine Antwort. — Mein Hänschen, nicht faul, springt mit einem Satz auf die Gestalt los, wie der Kasper im Puppenspiel auf den Teufel und rennt sie, die sich solcher Herzhaftigkeit nicht versah, pardauz, über den Haufen, daß sie ein ganz Stück die Stiegen hinunterkollert, und was für Stiegen! Stiegen von so einziger Art, wie sie nur auf alten Dorfkirchtürmen anzutreffen sind, ausgetreten, verrottet,
eng, voll jahrhundertalten Staubes. Drunten lag das Gespenst und ächzte und krächzte, Hänschen aber läutete zum Abendgebet, und schwang gar wacker den Glockenstrang, als wäre eben nichts vorgefallen; dann kletterte er wohlgemut die Stiege hinab und ging aus dem Turme, dessen Türe er hinter sich zuschloß. Die Küsterin wußte gar nicht, wo ihr Mann blieb. „Wo ist denn Er?“ fragte sie Hänschen. „Wer?“ fragte Hänschen. „Er!“ sagte die Küsterin. „Er ist ja vor dir hinüber auf den Turm.“ — „So!“ sagte Hänschen: „ist er das gewesen? Es stand ein weißer Labutzel an der Treppe, der wollte mir nicht Red’ und Antwort geben, da hab’ ich ihn die Treppe hinabgestoßen, er liegt noch drüben und krächzt.“ — „Galgenstrick!“ schrie die Küsterin, riß Hänschen den Schlüssel aus der Hand und sprang auf den Turm, da lag ihr Mann in seinem Bettuch und hatte ein Bein gebrochen.
Jetzt erging es Hänschen gar nicht gut; die Küsterin verklagte ihn bei seinem Vater, und der wurde ganz wild und schrie: „Ein Taugenichts ist der Junge, aus den Augen soll er mir! Fort, marsch! Hier ist Geld — geh, laß dich henken wo du willst — mir kommst du nimmermehr vor die Augen. Schimpf und Schande und Schaden hat man von dir, du Nichtsnutz!“
„Geh mit Gott, Hänschen!“ spottete Matthes; „sorge fein, daß du das Gruseln lernst, das Gruseln soll jetzt Mode sein, und die Menschen draußen in der Welt gruselt’s vor allerhand, da wirst du schon vom Gruseln auch deinen Teil bekommen!“
Hänschen ging, er hatte Geld, und wenn einer Geld hat, braucht’s ihn erst recht nicht zu gruseln. Unterwegs sprach er öfter vor sich hin: „Wenn mich doch nur gruselte, wenn mich doch nur gruselte!“ Das hörte ein Mann, der hinter Hänschen kam, und sprach zu ihm: „Schau dorthin — dort steht der Dreibein, da hängt eine schöne Gesellschaft dran — gerade ihrer sieben, was man so sagt: einen Galgen voll. Dort nimm unter den sieben dein Nachtlager, da lernst du das Gruseln.“
„Wenn das wahr wäre,“ sprach Hänschen, „so wollt ich dir morgen früh all mein Geld geben. Kannst zu mir kommen und es holen, oder du kannst ja auch gleich bei mir bleiben!“
„Daß ich ein Narr wäre und unterm lichten Galgen bei dir bliebe!“ antwortete jener. „Nein, mein guter Gesell, das Gruseln lernt sich viel besser, wenn einer allein, als wenn er zu zweien ist. Gute Nacht! — Auf Wiedersehen morgen in der Frühe!“ — Hänschen setzte sich unter den Galgen, machte sich, weil es kalt war, ein Feuerchen an, das schien hübsch hell hinauf zu den Gehenkten, und der scharfe Nachtwind bewegte ihre schlotternden Körper hin und her, hin und her.
„Ei, ihr gar armen Teufel!“ rief Hänschen hinauf. „Euch friert ja, daß ihr schnappert und klappert. Wartet, ich will euch herunterholen, sollt euch wärmen an meinem Feuer.“ Und Hänschen nicht faul, fand eine Galgenleiter, stieg hinauf, knüpfte die Gehenkten los und setzte sie an sein Feuer, das er nun stärker und größer machte. Jene aber schauten gottserbärmlich aus, grün, gelb und jämmerlich, blitzblau, abscheulich, wie das Sprichwort sagt, und regten und rührten sich nicht; das Feuer fraß um sich und begann die Lumpen und Fetzen anzukohlen, welche um die toten Leichname herumhingen. „Na?“ sagte Hänschen, „ihr laßt ja eure Kleider verbrennen! Da heißt’s recht bei euch: Gleiche Lumpen, gleiche Lappen! Wartet — ich will euch helfen so unachtsam sein!“ Nahm sie, einen nach dem andern und hing sie wieder hinauf, hüllte sich in seinen Mantel, streckte sich an sein Feuer und schlief ein. So fand ihn der Mann, mit dem er gestern gegangen, und der heute kam, das Geld zu holen. Da er aber Hänschen so ruhig schlafen sah, wuchs ihm wenig Hoffnung, daß er das Gruseln über Nacht gelernt haben möchte, und als Hänschen nun aufwachte, und ihm erzählte, was er vorgenommen habe, da wandte sich der Mann zum Gehen und sprach: „Dein Geld hab’ ich dasmal nicht verdient, du lernst das Gruseln nimmermehr.“