„Lebewohl, mein gutes Rotkäppchen, ich habe mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen; ich habe Eile, muß eine alte schwache Kranke besuchen!“
Und damit eilte der Wolf von dannen, und spornstreichs nach dem Hause der Großmutter, während das Rotkäppchen sich schöne Waldblumen zum Strauße pflückte und die vermeintlichen Heilkräuter sammelte.
Als der Wolf an das Häuschen der Großmutter des Rotkäppchens kam, fand er es verschlossen und klopfte an.
Die Alte konnte nicht vom Bette aufstehen und nachsehen, wer da sei, und rief: „Wer ist draußen?“
„Das Rotkäppchen!“ rief der Wolf mit feiner, verstellter Stimme. „Die Mutter schickt der guten Großmutter Wein und auch Kuchen! Wir haben gebacken!“
„Greife unten durch das Loch in der Türe, da liegt der Schlüssel!“ rief die Alte, und der Wolf tat also, öffnete die Türe, trat in das Häuschen, in das Stübchen und verschlang die Großmutter ohne weiteres — zog ihre Kleider an, legte sich in ihr Bett und zog die Decke über sich her und die Bettvorhänge zu.
Nach einer Weile kam das Rotkäppchen; es war sehr verwundert, alles so offen zu finden, da doch sonst die Großmutter sich selbst gern unter Schloß und Riegel hielt, und wurd’ ihm schier bänglich um das junge Herzchen.
Wie das Rotkäppchen nun an das Bett trat, da lag die alte Großmutter, hatte eine große Schlafhaube auf und war nur wenig von ihr zu sehen, und das wenige sah gar schrecklich aus. „Ach, Großmutter, was hast du so große Ohren?“ rief das Rotkäppchen. — „Daß ich dich damit gut hören kann!“ war die Antwort. — „Ach, Großmutter, was hast du für große Augen!“ — „Daß ich dich damit gut sehen kann!“ — „Ei, Großmutter, was hast du für haarige große Hände!“ — „Daß ich dich damit gut fassen und halten kann!“ — „Ach, Großmutter, was hast du für ein so großes Maul und so lange Zähne!“ — „Daß ich dich damit gut fressen kann!“ Und damit fuhr der ganze Wolf grimmig aus dem Bette heraus und fraß das arme Rotkäppchen. Weg war’s.