Star und Badewännlein.

Vor einem Wirtshaus im Walde hielt ein junger stattlicher Reitersmann, da trat eine feine Maid aus der Türe, grüßte ihn züchtig, und fragte, was er begehre. Da heischte er einen Becher kühlen Weins, den brachte ihm die Jungfrau. Der Reitersmann trank aber nicht eher, bis die Maid mit ihren roten Lippen von dem Weine genippt und den Trunk ihm kredenzt hatte. Während er nun trank, trat die Wirtin aus der Türe, ein häßliches Weib von brauner Gesichtsfarbe und widrigem Ansehen. Die fragte der Reitersmann: „Holla, Frau Wirtin! Ihr habt fürwahr ein feines Töchterlein! Nicht also?“ — „Nein, Herr!“ antwortete die Wirtin, „diese Dirne da ist nicht meine Tochter, sie ist nur meine angenommene Magd, hat nicht Eltern und Heimat mehr. Habe sie angenommen aus Barmherzigkeit.“

Der Reitersmann fühlte Liebe zu der schönen Maid, stieg ab vom Roß, begehrte ein Nachtquartier, und daß ihm die Magd ein Fußbad rüste, weil er gern mit ihr reden wollte. Die Wirtin gebot der Magd in den Garten zu gehen, und Rosmarin, Thymian und Majoran für das Bad zu pflücken. Dies tat sie gern und freudig, ging und brach die Kräuter, da flog ein Star auf ein Sträuchelein neben ihr und sang und sprach: O weh, du Braut! Du sollst dem Junker die Füße zwagen in dem Badewännelein, darin du hierhergetragen worden! Dein Vater ist vor Herzeleid gestorben, und deine Mutter hat sich schier um dich zu Tode gegrämt!

O weh, du Braut, du Findelkind!

Weißt nicht, wer dein Vater und Mutter sind!

Da erschrak die fromme Maid und grämte sich, rüstete das Bad unter Tränen in dem kleinen Wännelein, und trug’s hinauf in die Stube, wo der junge Ritter ihrer harrte. Als der sie weinen sah, fragte er: „Warum weinest du, Schönste? Willst du nicht lieber mit mir fröhlich sein?“

„Wie kann ich mit Euch fröhlich sein?“ fragte sie weinend zurück. „Ich weine über das, was mir der Star sang, da ich drunten im Garten die Kräuter pflückte in Euer Bad. Der Star, der sang: O weh, du Braut! Du sollst dem Junker die Füße zwagen in dem Badewännelein, darin du hergetragen bist. Dein Vater ist vor Herzeleid gestorben, und deine Mutter hat sich schier um dich zu Tode gegrämt!

O weh, du Braut, du Findelkind!

Weißt nicht, wer dein Vater und Mutter sind!“