„Ei pfui dich!“ rief der Pförtner. „So schandbar hab’ ich noch keinen König gesehn. Du kommst mitnichten herein!“ Da schrie und lärmte der König ungetümlich, daß der Schenk es hörte, und fragte, was es gebe. Der Pförtner sprach: „Herr, es stehet ein Mann draußen, der ist nackt und bloß, und sagt, er sei dein Herr und König, und das Volk ist hinter ihm, und hat seinen Narren an dem Affen.“

„Laßt ihn herein!“ sprach mitleidvoll der Schenk, „und reicht ihm ein notdürftig Gewand, auf daß er seine Blöße bedecke.“ Dies geschah, und dann trat der König herein zu dem Schenken, der ihn auch nicht als seinen Herrn zu erkennen vermochte, und sprach: „O mein Freund, du wirst und mußt mich erkennen, daß ich dein König bin, obschon mich heut ein wunderlich Verhängnis heimsucht und von Ehren und Gute mich vertreibt. Denke der Reden, die wir gestern früh vertraulich miteinander pflogen, als ich Euch, meinen Räten, einen Befehl gab, den ich erfüllt sehen wollte, und Ihr mir es ausredetet, als eines Fürsten nicht würdig.“ Und solcher Heimlichkeiten sagte der König zum Schenken noch mehr, der aber begann zu lachen und sprach: „Die Wahrheit sagt Ihr, ja, aber Euch muß sie der Teufel ins Ohr geblasen haben!“ Und der König sprach: „Womit ich auch das Unglück verdient, das mich schlägt, mein Herz sagt mir, daß ich ein gerechter und wahrhafter König bin.“

Der Schenke mochte nicht widersprechen, weil das die Narren aufzubringen pflegt und bei Klugen auch nicht für ein Zeichen von guter Lebensart gilt, aber er gebot, dem Fremden Speise aufzutragen, und dachte bei sich: ich will diesen seltnen Fall doch dem König als Neuigkeit hinterbringen. Er, der Schenke, galt bei Hof soviel durch seine weisen Ratschläge, daß er zu jeder Zeit freien Zutritt hatte, und so machte er sich gleich auf zur Königsburg, trat vor den Engel und verkündete ihm die Mär von seinem wunderlichen Gast. Der gebot ihm, den König zu Hofe zu führen, und es sammelte sich in einem großen Saale der ganze Hofstaat, und das Gesinde erfüllte alle Treppen und Galerien. Wie nun der Schenk den gedemütigten König brachte, schrie alles spöttisch: „Grüß Gott, Herr König ohne Land!“

Der Engel saß in reicher Pracht neben der schönen Königin auf dem Throne und grüßte seinen Doppelgänger, dessen Herz in Haß aufwallte, als er den vermeinten Feind bei seiner eignen Gemahlin sitzen sah. Der Engel sprach: „Sagt an, ist das wahr, seid Ihr hier König?“ und der König antwortete: „Wohl sah ich den Tag, da ich hier gewaltig war, wo meine Gemahlin noch mich empfing als ihren König und Herrn, deren gütlichen Gruß ich nun ganz entbehre, der mir doch sonst nie versagt ward, bis heute an diesem Tag meiner Schmach und meines Leides. O wie freundlich schied ich noch heute morgen aus ihren minniglichen Armen!“

Die Königin ward ob dieser Rede ganz schamrot, daß sie sollte den fremden Mann umfangen haben und sprach zum Engel: „Mein königlicher Herr und Gemahl, dieser Mann ist wohl unsinnig!?“ und ein alter Hofritter rief: „Schweige, Bösewicht! Dich müsse man auf einer Kuhhaut zum Galgen schleifen!“ und die jungen Lecker am Hofe wollten schon sich Gunst machen und ihren Heldenmut sehen lassen und griffen nach dem König, hätten ihm auch übel genug mitgespielt, aber der Engel wehrte sie ab und führte den König mit sich hinweg in ein schönes einsames Gemach. Dort sprach er zu ihm: „Sag’ an, glaubst du oder glaubst du nicht, daß Gott Gewalt habe über alle Geschöpfe? Siehe, wie seine allmächtige Kraft dich in den Staub tritt! Was hilft dir dein mächtiges Kriegsheer? Wer gehorcht deinem Rufe und Gebote? Noch lebt die Wahrheit: Deposuit potentes de sede, und du und deinesgleichen werdet sie ewig nicht unterdrücken!“

So sprach der Engel zum König, und dieser fragte erbebend: „Mann, wer seid Ihr? Seid Ihr Gott der Allmächtige, von dem Ihr redet, so erbarme sich Eure Gnade über mich armen, betörten Mann!“

„Ich bin nicht Gott!“ sprach darauf der Engel, „aber seiner Boten einer bin ich und des wahren Christus Diener. Der sandte mich und dir sandte er die Strafe deiner Hoffart. Gott erhöhet und erniedrigt, wen er will! Warum verfolgst du diese Wahrheit?“

Da fiel der König hin zu des Engels Füßen und bat um Gottes Huld und Verzeihung. Der Engel hieß ihn aufstehen und sprach: „Du mußt Glauben haben an das Wort der Schrift aus der Priester Munde! Du mußt barmherzig sein gegen die, so dir ihren Kummer klagen! Du mußt gerecht sein gegen den Kleinen wie gegen den Großen! Willst du das, so sollst du wieder einnehmen den Stuhl deiner Macht und deiner Ehren.“

Da demütigte sich aufs neue der König vor dem Boten des Herrn, neigete sich, kniete nieder und sprach: „Ich folge dir gerne, gewähre mir durch Gott Gnade!“ Da bot ihm der Engel seine Hand und reichte ihm die Königsgewande und verlieh ihm die Königsgestalt wieder, und der König legte das dürftige Röcklein ab, das der Schenk ihm geben ließ. Der Engel aber verschwand vor den Augen des Königs und flog wieder auf gen Himmel, in die Heimat der Seelen, in das Reich des ewigen Vaters.

Der König sprach: „Gelobt sei der süße Christ, der Gewaltige. Was der Engel mir sagte, das ist die rechte Wahrheit.“ Und ging hervor aus dem Gemach wie einer, dem nie ein Leid widerfahren. Da fragten ihn die Dienstmannen ehrfurchtsvoll: „Herr, wo ist der Narr geblieben?“ Er aber berief die Königin und alle die Seinen um sich her und erzählte ihnen alles, wie es sich begeben und was er erlitten; seinen Streit mit dem Bader und alles andere, und zeigte ihnen das dürftige Röcklein. Des erschraken die Schranzen und schämten sich, daß sie den Herrn also gekränkt und mißkannt und meinten ihrer viele, es werde ihnen nunmehr an Leib und Gut gehen. Selbst die Königin bat den Gemahl um Huld und Gnade und versicherte heilig und teuer, daß sie ihn nicht erkannt habe. Er schloß sanft ihre Hände in seine Hand und sprach: „Frau, schweiget stille! Gott hat es so gewollt! Kannte ich doch zuletzt mich selbst nicht mehr.“ —