Unsere Beispiele werden wir den noch erhaltenen Bauten und den altägyptischen Abbildungen, die an Tempel- und Grabwänden in grosser Zahl vorhanden sind, entnehmen können. Bei den nur abgebildeten Beispielen werden wir allerdings etwas vorsichtig zu Werke gehen müssen, da die Phantasie der ägyptischen Maler in vielen Fällen unmögliche Gebilde dargestellt hat, und ausserdem oft die Verschrobenheit der perspektivischen Darstellung das Verständniss des Abgebildeten erschwert. Mit ganz besonderer Vorsicht wird eine Gattung von Säulen zu behandeln sein, die sich häufig auf Darstellungen findet: die Säulen mit mehreren — bis zu fünf — Kapitellen übereinander. Es sind diese Säulen — falls sie überhaupt je so existirt haben — meist Holzsäulen, deren Form sich auf die ägyptische Art zurückführen lässt, Bouquets aus verschiedenen, ineinander gesteckten Blumen zu binden. Für unsere Aufgabe, die den Säulenformen zu Grunde liegenden Pflanzentypen festzustellen, interessirt an diesen „Bouquetsäulen” nur die einzelne Pflanze, das Einzelkapitell, nicht die ganze Zusammensetzung; wir werden daher die Bouquets zerpflücken und die einzelnen so gewonnenen Kapitelle dann bei verschiedenen Abschnitten unserer Untersuchung gesondert besprechen müssen.
Auch von den in natura erhaltenen Säulen werden wir nicht alle gleichmässig als Beispiele benutzen. Da es sich vorläufig darum handelt, die älteren Säulentypen zu analysiren, so können die Formen der Spätzeit, d. h. in diesem Falle der Epoche nach der Eroberung Aegyptens durch die Perser, also hauptsächlich die Säulenbildungen der Ptolemäer- und Kaiserzeit vernachlässigt werden, soweit sie neue Pflanzen als Ornament verwenden. Wir werden diese daher nur in den Fällen — und deren Anzahl ist nicht gering — citiren, wo sie sich an ältere Schöpfungen anschliessen und die alten Formen wieder aufnehmen und fortbilden.
Zum Schlusse der Einleitung möchte ich noch rechtfertigen, weshalb ich ebenso wie andere Autoren, die das hier behandelte Gebiet früher bearbeitet haben, auf eine „schärfere Sonderung der Formen des Höhlen- und Freibaus”, bezw. des Holz- und Steinbaus keine Rücksicht genommen habe. Wie der Schluss lehren wird, ist der den ägyptischen Säulenformen zu Grunde liegende Gedanke ein rein ornamentaler, ohne jede construktive Grundlage. Es ist daher ausnahmsweise möglich, was bei der Behandlung architektonischer Details anderer Epochen ein schwerer Fehler sein würde, bei der Auswahl der Beispiele vollständig von Material und Construktion abzusehen und nur die äussere Form zu betrachten, zumal da es sich hauptsächlich nur um die Ermittelung der den Säulenformen zu Grunde liegenden Pflanzenvorbilder handelt.
[I. Die Nymphäensäulen.]
In Aegypten sind drei Arten von Nymphäen nachzuweisen: Nymphaea Lotus L., Nymphaea caerulea L. und Nymphaea Nelumbo L. Von diesen scheidet die letzte, wie wir sehen werden, als für die Säulenformen nicht in Betracht kommend aus; wir haben uns also nur mit den beiden anderen näher zu beschäftigen.