Herr Anton Cajetan wurde überaus liebenswürdig. »Mein guter Pfarrer! Du hast die Warzen nicht nur im Gesicht, auch im Gehirn und an der Seele. Das kann lebensgefährlich werden.«
»Vielleicht! Aber schauet, Herr, ich bin von den Glücklichen einer, denen nichts mehr geschehen kann. Mein Gott ist mein Gott. Jeder Tag bringt mich vorwärts auf dem Weg zu ihm.«
Der Fürst lachte munter. »So muß ich dich, wenn du strafbar werden solltest, zu einem langen Leben verdammen.« Ein Handwink, und Pfarrer Ludwig war entlassen. Schon stand er bei der Tür. Da klang es hinter ihm mit spöttischem Laut: »À propos, mon cher! Ich höre, man beschuldigt dich einer üblen Sache.«
»Soooo?« Der Pfarrer schmunzelte. »Vielleicht einer Menschlichkeit? Die wär von allen Zeitverbrechen das größte.«
Anton Cajetan schien sich zu ärgern. »Man hat dich in Verdacht, daß du der Wundertäter warst, der das Mirakel in der Armeseelenkammer wirkte und die schwarzweiße Gefahr verschwinden ließ in die ewige Ruhe?«
Behaglich wiegte Pfarrer Ludwig den grauen Kopf. »Schau! Was für ein netter Einfall! Hätt ich ihn gehabt, ich tät mich um seinetwegen nit schämen.«
Ein paar heftige Schritte des Fürsten. Und ein Ton wie aus Wolkenhöhe. »Ludwig? Lügst du?«
»Mein gütiger Herr!« antwortete der Greis mit Seelenruhe. »Die redlichsten Wahrheiten schauen allweil einer Lug so zum Verwechseln ähnlich, wie ein Rattenschweif dem Schnauzer des Muckenfüßl.«
Der Fürst verhehlte seinen Mißmut nimmer. »Weil du so gern diesen diensteifrigen Mann citierst, wirst du vielleicht Gelegenheit finden, dich eingehend mit ihm zu okkupieren.« Noch über die Schulter die strenge Mahnung: »Daß es Dienstgeheimnisse gibt, das weißt du.« Herr Anton Cajetan verzog das Gesicht, als ob er niesen müßte, und zerrte das Riechfläschl aus der Atlasweste.
Das konnte der Pfarrer noch sehen. Halb belustigt, halb mit dem Groll seines wühlenden Kummers, murrte er in Gedanken vor sich hin: »Meinen Schnupfen hat er! Jetzt kriegt ihn die allergnädigste Aurore de Neuenstein. Und der vergönn ich ihn.« Er grüßte freundlich die Lakaien im Korridor. Als er durch den reichlich fallenden Schnee hinüberschritt zu seinem Hause, war er nicht ärmer um eine Hoffnung. Die Stunde mit dem Fürsten war so gewesen, wie er befürchtet hatte, daß sie sein würde. Und war für Augenblicke ein irrender Hoffnungsgedanke in ihm erwacht, so war's geschehen wider Verstand und besseres Wissen. »Er ist, wie er ist. So bleibt er bis zu seiner letzten Schlittenfahrt, und so muß man ihn nehmen. Nur daß er mich jetzt grad rufen hat lassen – das vergrämt mich ein bißl.« Bei diesem Gedanken spähte er zu den Fenstern des Chorkaplans Jesunder hinüber. Frau Apollonia, obwohl keine Evangelische, war unsichtbar. »Da haben sie also nichts gefunden. Sonst tät sie vergnügt aus dem Fenster grinsen.« Nein, es war für den emeritierten Stiftspfarrer Ludwig keine Überraschung, als er seine Haustür eingedrückt, alle Schränke und den Schreibtisch erbrochen fand. Von dem Silbergeld im aufgemeißelten Geheimfach fehlte kein Sechser. Unleugbar, die Polizei war ehrlich.