Was sie schrie und lallte, während sie hintaumelte gegen die erste Bank, war im aufrauschenden Lärm des Saales nicht zu verstehen. Immer schreiend, stieg sie neben dem stummgewordenen Christl Haynacher auf die Bank, sprang auf die Tischplatte und stand da droben, mit aufgereckten Armen, einer Verzückten ähnlich, oder einer Wahnwitzigen. Immer lallte und schrie das Mädel, die Augen erweitert, das Gesicht wie Kalk so weiß. Im versinkenden Lärm des Saales klang vom Tisch der Salzknappen eine verzweifelte Bubenstimme: »Barmherziger Herrgott! Moidi! Du blutest!« Sie drehte das Gesicht gegen die Stelle hin, von der die Stimme kam, lächelte ein bißchen, reckte sich und rief: »Ihr lieben Brüder! Haltet fest am Gütigen, der für uns gestorben ist am Kreuz! Hilf ist nur im Himmel noch. Hilf ist nimmer auf der Welt. Gewalt ist über uns! Zehntausend heidnische Dragoner reiten über das Schneefeld her!« Das Mädel wankte, straffte sich wieder an allen Gliedern, wollte reden, hatte keinen Laut mehr und preßte die zitternden Fäuste gegen das Mieder. In der Stille, die plötzlich im Saal entstand, hörte man sie mit leiser und froher Stimme sagen: »Herr Jesu, dir leb ich – Herr Jesu, dir sterb ich –« Viele Hände streckten sich nach der Sinkenden, Pfarrer Ludwig fing die Erloschene in seinen Armen auf, und Christl Haynacher, dessen Bübl das Gesicht am Hals des Vaters versteckte und zu greinen begann, brüllte plötzlich wie ein Betrunkener: »Herrgott! Herrgott! Ist's noch allweil nit genug?«
Ein tausendstimmiger Laut im Saal, wie das Aufstöhnen eines gewaltigen Tieres, dem das mordende Eisen ins Leben fährt. Nun ein dumpfes Gewühl, ein Zusammenkrachen aller Tische und Bänke – und jetzt ein mahnender Männerschrei, so kraftvoll und gebietend, daß er die tausend Verstörten beherrschte und zum Lauschen zwang. »Ihr Leut! Ihr guten Leut!« Pfarrer Ludwig war heiser geworden von diesem Schrei. »Schauet her! Ich hab den Tod auf den Armen. Drum muß ich ein Wörtl sagen für euer Leben. Heut geht Gewalt vor Recht. Die Zeit wird kommen, in der sich's wendet. Seid besonnen, ihr guten Leut! Oder ihr stoßt euch alle, eure Weiber und Kinder ins hilflose Elend! Christ sein, heißt nit: zuschlagen mit Fäusten und Tischfüßen, einander würgen und niedertrampeln. Christ sein, heißt noch allweil, ein Mensch unter Menschen bleiben und sein Leidwesen dem gütigen Heiland in die Hand legen. Der wird uns aufrichten. Der wird uns helfen!« Man hörte von draußen den Schritt einer marschierenden Truppe, hörte die Trommel, die schon nah bei der Tür war. Pfarrer Ludwig, dem die Arme unter der Last zu zittern begannen, die sie trugen, sagte ruhig: »Drei evangelische Brüder sollen mir helfen. Wir wollen das fromme Christenkind, das in Gottes Reich gegangen, heimtragen zu seiner Mutter.«
»Nachbar!« keuchte der Haynacher. »Nimm mein Bübl ein bißl! Da muß man helfen.« Er sprang an die Seite des Pfarrers und raunte auf eine Art, wie die Fieberkranken reden: »Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie.« Jetzt kamen die Salzburgischen Gottesmusketiere unter Trommelschlag in den Saal marschiert, zu vieren dicht aneinander gedrängt, die Gewehrläufe vorgestreckt, den Finger am Bügel. Außer dem Schrittklappen und den soldatischen Befehlsworten war kaum ein Laut im Saal. Die Leute wichen vor dem immer breiter werdenden Soldatengürtel zurück, die einen scheu und mit blassen Gesichtern, die anderen mit dem stummen Zorn auf der Stirn und in den Augen. Den ersten aufwühlenden Sturm in ihnen hatte das Wort des Pfarrers bezwungen. Nun lähmte sie der Schreck, das betäubende Bewußtsein ihrer Wehrlosigkeit und noch ein Härteres: die Bitterkeit der Enttäuschten, die Trauer über den Betrug, der da begangen wurde an ihrem frohen, gläubigen Vertrauen.
Hinter der Kette der Musketiere stehend, verkündete Muckenfüßl das pröpstliche Edikt auf Konfiskation aller Schützengewehre. Jedem reumütigen Subjekte sei die Gnade des Fürsten zugesagt, jedem Widerspenstigen das strengste Gericht. Zur Ermahnung der Seelen sei von einer fürsorglichen Obrigkeit beschlossen worden, jede Gnotschaft des Landes mit achtzig Musketieren und fünfzig Dragonern samt Rößl zu belegen, für deren Bedarf an Zehrung und Trank die Gnotschaft aufzukommen hätte, insolang, als eine Besserung des rebellischen Geistes nicht in glaubhaftem Ausmaß sichtbar würde. Nach dieser Verkündigung formierten die Musketiere eine Gasse durch den ganzen Saal. Eine Gnotschaft nach der anderen wurde aufgerufen. Wenn die Männer, die zur gleichen Gnotschaft gehörten, alle beisammen waren, wurden sie paarweis abgeführt. Einige Burschen, die sich unehrerbietig zu äußern wagten, wurden verhaftet. Auch einen von den vier Trägern der »schön und gottselig gestorbenen« Moidi von Unterstein – den Christl Haynacher – mußte man festnehmen. Bei seiner Verhaftung gebärdete sich der hirnverdrehte Suspiziosus, wie Muckenfüßl ihn nannte, so rebellisch, daß die Anwendung von eisernen Handschellen nötig wurde.
Draußen im Schnee, zwischen Mahlsaal und Schützenhalle, standen, gleichmäßig abgezählt und in militärischer Ordnung ausgerichtet, für jede Gnotschaft die achtzig Musketiere und die fünfzig berittenen Dragoner parat. Bei jedem Trupp – gleich einem Leutnant neben seiner Kompagnie – befand sich ein Kapuziner.
Die Abwanderung der Gnotschaftsleute mit ihrer militärischen Bedeckung dauerte bis in die Dunkelheit. Und die Soldaten, die ihr Quartier zu Berchtesgaden bekamen, bewiesen noch vor Anbruch der Nacht, daß sie nicht nur dem Himmel, sondern auch der Kunst zu dienen vermochten. Mit großen Töpfen und langen Tüncherpinseln wanderten sie durch die Gassen und bemalten an jedem Haus, in welchem ein der Ketzerliste Einverleibter wohnte, die Türen und Fensterstöcke mit knallroter Farbe.
[Kapitel XIX]
Spät am Abend wurde an der Haustür des Meisters Niklaus gepocht, so leise, daß es die drei, die in der Werkstatt waren, nicht gleich vernahmen. Der Meister, um ruhig zu bleiben, hatte sich zu seiner Arbeit gestellt. Und Luisa und Sus waren mit ihren Spinnrädern aus der Küche zu ihm in die Werkstatt gekommen. Helle Kerzen brannten auf dem eisernen Reif. An dem großen Fenster war der Laden geschlossen. Nur das Schnurren der Spinnräder und manchmal der Schritt des Meisters, wenn er zurücktrat, um sein Werk zu betrachten. Da hörte Luisa das kaum vernehmliche Klopfen. Ihre Augen vergrößerten sich, als sie stammelte: »Vater! Es pochet.« Die Sus wollte zur Türe. »Bleib!« sagte der Meister. »Ich selber geh.« Er brauchte keine Frage zu tun; beim Hall seiner Schritte klang es draußen in der Nacht: »Tu auf, Nicki! Ein Mensch!«
»Gott sei gelobt!« Aufatmend stieß der Meister den Riegel zurück und hob den Sperrbalken aus dem Mauerloch, während Sus und Luisa wortlos aus der Werkstatt gesprungen kamen. Der Pfarrer trat in den Flur, und Sus verwahrte die Türe wieder. »Gotts Gruß zum traurigen Abend! Weil ich nur bei euch bin. Aufatmen tu ich.« Pfarrer Ludwig hängte den Radmantel an das Zapfenbrett und fragte die Sus: »Hast du noch warmes Wasser? Ich muß mich waschen. 's ist eine Zeit, in der man rot wird, vor Zorn oder von was anderem.« An seinem schwarzen Gewande sah man die eingetrockneten Blutflecken nicht, nur an den Händen. »Jesus?« stammelte Luisa. »Ist's Euer Blut?«