Eine flackernde Lampe, auf dem Herd noch eine rote Glut. Leupolt lag aufgestützt im Bette, den Fieberbrand auf den Wangen. Sein Hals und die Handgelenke waren frisch verbunden. Jetzt wusch ihm das Schneckenweibl, das auf dem Lehmboden kniete, mit zärtlicher Vorsicht die breite Wunde, die den Knöchel des rechten Fußes umzog. Dabei redeten die beiden mit ruhigen Stimmen, und es machte den Hiesel Schneck ein bißchen perplex, weil die zwei zu einander Bruder und Schwester sagten. Diese Verwandtschaft war was völlig Neues für ihn.
»Seit der Herbstzeit?« fragte Leupolt.
»Wohl, Bruder!« Die Schneckin begann die lange, weiße Binde zu wickeln.
»Wie ist das gekommen, Schwester, daß deine Seel sich erhoben hat? Hast du ein Unrecht erfahren müssen?«
Sie schüttelte den grauen Kopf. »Mein liebes Mädl, verstehst, die ist verheuert an einen Knappen in Hallein. Und im Herbst, wie die Hirsch geröhrt haben und mein Schneck allweil draußen hat sein müssen im Holz, da ist sie über einen Sonntag bei mir auf Besuch gewesen. Allweil hat mich das Mädl angeschaut so scheu und verzagt, und allweil hab ich fragen müssen: Was ist denn? Sie hat nit rausrucken wollen mit der Farb. Ich frag: Gelt ja, jetzt flucht halt der Deinige auch? Und das Mädl – jetzt ist sie ein Weibl und bald ein Mutterl, aber noch allweil muß ich halt Mädl sagen – und das Mädl beutelt ihr Köpfl. Ich frag: Herr Jesus, er wird dich doch ums Himmelswillen nit prügeln, der Deinig? Und das Mädl sagt: Der Meinig ist von allen der beste, grad wie der Vater Schneck! Und tut mich halsen wie irrsinnig und heult mir ins Ohr: Mein Hansl ist evangelisch und ich bin's auch, gelt, tu's nur dem Vater nit sagen, der tät versterben dran!«
Der Hiesel Schneck verstarb nicht, stand nur im Schnee, wie verwandelt zu einer hölzernen Säule.
»Erst hab ich gemeint vor Schreck, es tät mir das Blut gerinnen!« sagte die Schneckin. »Aber wenn's schon wahr sein muß, daß ihr Hansl verhöllt ist, wird doch sein Weibl nit einschichtig aufs Himmelreich trachten? Verstehst? Beisammen sein, ist allweil das Best, ob in Kält oder Glut. Und schau, da hat mir mein Mädl was fürgelesen von einem luthrischen Blättl. Schöner und fester hab ich nie noch ein deutsches Mannsbild reden hören. Das ist einem eingegangen, ich kann's nit sagen. Alles hat mir das Kindl verzählt: wie ihr der Hansl das Evangelische allweil fürgeredet hat, verstehst? Und gählings ist es in mir gewesen.« Die Schneckin guckte den Leupolt an. »Wenn einem sein liebes Mädl so was sagt? Verstehst? Da muß man doch glauben.«
»Nit allweil!«
Diese beiden Worte waren so leis gesprochen, daß der Hiesel sie nicht verstand. Aber deutlich hörte er das wehe Klagen seines Schneckenweibls: »Schau, und so ist's halt, wie es ist. Und die junge, evangelische Gottesfreud wär so schön in meiner Seel! Bloß eins ist hart: daß ich herüben bin, und mein Schneck ist drüben. Und kommt er drauf – im ganzen Leben hat mir der gute Kerl noch nie ein Streichl gegeben, verstehst – aber muß er merken, daß er eine evangelische Schneckin hat, da haut er mir alle Knöchelen im Leib auf Scherben.«
Das tat der Hiesel nicht, obwohl er was gemerkt hatte, wenn auch ein bißchen langsam. Unbeweglich stand er im Schnee und hörte den Leupolt sagen: »Dein Schneck ist ein redliches Mannsbild. Und heut ist Versöhnungstag gewesen. Fried und Seelenfreiheit wird hausen im Ländl. Schwester, wie gottsfreudig müssen heut alle Leut gewesen sein!« Der Fiebernde ließ sich hinfallen auf das Kissen. »Von allen Schmerzen, die mich angefallen haben, ist das der härteste: daß ich heut nit sehen hab dürfen, wie Herren und Leut einander die Hand bieten auf Glück und Treu!«