»Schneck, da mußt du dich verkühlt haben! Beim Kathari hat einer allweil so ein empfindsams Naserl.« Sie setzte sich auf. »Wart, da koch ich dir gleich ein heißes Weinsüppl mit Nagerlblüten.«
Jetzt fluchte der Hiesel, und zwar so fürchterlich, daß die Schneckin rasch zur Einsicht gelangte: »Krank ist er nit!« Nach vielen stichelhärigen Himmelhunden murrte er: »Jetzt wirst du mich aber doch bald schlafen lassen, verstehst? Rumpel dich auf'n Strohsack hin, du Wagen ohne Deichsel!« Weiter gab er keine Antwort mehr und tat so, als ob er schliefe. Seine Augen blieben offen, bis der Morgen graute. Ohne auf die Geißmilchsuppe zu warten, stapfte er, von seinen kummervollen Himmelhunden begleitet, in das Schneegeriesel des Morgens hinaus.
Die Schneckin sah ihm in ratloser Sorge nach. Was war denn nur mit ihrem Hiesel? Hatte er beim Schützenfest was Unverständiges angerichtet? Sie lief hinüber zum Hallturm. Ob da nicht von den Soldaten was zu erfahren wäre? Ja, die wußten was! Sehr viel. Wenn auch nichts vom Hiesel. Und als die Schneckin heimkam, merkte es Leupolt gleich an ihrem blassen Gesicht, daß etwas Hartes geschehen war. Schweigend hörte er an, was sie vom Versöhnungstag erzählte. Dann nahm er ihre Hand. »Nit trauern, Schwester! Soll man uns jede Bruck zerbrechen. Es ist ein Baumeister, der einen neuen Weg für uns auftut.«
»Ja, Bub, da muß man glauben dran. Sonst tät man verzagen.« Nachdenklich sah die Schneckin vor sich hin. »Jetzt weiß ich, warum der Schneck heut nacht so gewesen ist. Falschheiten vertragt er nit. So ist er! Jetzt kommt's auf, wo er den Bockmist hat schmecken müssen. Verstehst?« Für alle Fälle wollte die Schneckin dafür sorgen, daß die empfindsam gewordene Nase des Hiesel wenigstens unter dem eigenen Dache nimmer gekränkt würde. Drum leistete sie an diesem Tag im Geißstall eine Arbeit, daß sie an den König Augias hätte denken können, wenn sie was von ihm gewußt hätte.
Zur Mahlzeit kam der Schneck nicht heim. Erst am Abend. Der Schneckin, die gleich zum Herd sprang, um sein Essen aufzuwärmen, vergönnte er keinen Blick. Er ging zum Bett und griff in den Rucksack. »Heut in der Nacht, verstehst, da hab ich vergessen, daß mir die Mälzmeisterin was mitgegeben hat für dich.«
»Die Mutter?« fuhr Leupolt in Freude auf.
»Ob's deine Mutter ist, weiß ich nit,« sagte der Hiesel gallig, »auf der Welt gibt's allerlei Verwandtschaften. Himmelkreuzbluthöllement, es könnt am End gar noch aufkommen, daß du mein Schwager bist.«
Der Sinn dieser Worte war für die Schneckin eine dunkle Sache. Und Leupolt hörte nicht, was der Hiesel redete; langsam, weil seine entzündeten Hände noch nicht gehorchen wollten, wickelte er das Päckl auf und schälte das braune Tiegelchen aus der Leinwand. Eine Salbe? Sonst nichts? Kein Gruß, keine Nachricht? Endlich fand er das kleine, versteckte Blättl und las bei der Feuerhelle des Herdes die winzig zusammengedrängte Schrift: »Mein herzlieber Bub! Die Sorg ist linder, seit ich weiß, wo du bist. Es wird sich schon geben, daß ich schicken kann, was du nötig hast. Kommen darf ich nit. Tu mir bald gesunden, tu allweil hoffen, Bub, Hoffnung ist eine so feste Sach wie Gott, der sie uns armen Menschen gegeben hat. Das Sälbl ist vom Luisli. Sie hat's selber gebracht, das liebe Kind, hat's in der Sonn geläutert und hat dich lieb. Alles ander müssen wir in Gott befehlen. Ich tu dich grüßen. Bleib, wie du bist, mein Bub, da bist du kein schlechter nit. Das weiß ich, deine Mutter in Treu.«
Hätten der Schneck und die Schneckin jetzt hinübergeguckt zu ihrem zwieschläfrigen Bett, so hätten sie sehen können, wie die Augen eines Glücklichen leuchten. Aber die Schneckin mußte auf die Schüssel achten, die sie zum Tische trug, und der Hiesel starrte kummervoll in den Herrgottswinkel. Das Schneckweibl hielt es für nötig, zu fragen: »Wie hat's denn die Mälzmeisterin erfahren, daß der Leupi bei uns ist?«
»Was weiß denn ich?« brüllte der Hiesel. »Kreuzhimmelhundblutshöllement, es gibt halt söllene Fensterln, wo einer was auskundschaften kann, wenn er ausputzte Luser hat!« Wie sonderbar, daß der Hiesel jetzt so unverständliche Sachen redete! Sonst pflegte er nur Dinge zu sagen, die jedes Kind verstand. Seufzend ging die Schneckin zum Herd. Und Leupolt sagte wie ein Träumender: »In der tiefsten Freud wird auch die höchste Not ein Lindes. Magst du mir nit erzählen, Schneck, wie's gestern gewesen ist?« Der Hiesel beutelte wütend den Kopf, schob die Schüssel fort, riß den Tabakbeutel vom Gürtel und begann die Holzpfeife zu stopfen. »So was ist schauderhaft! Ganz schauderhaft!« Das bezog die Schneckin natürlich auf den Bockmist und sagte gekränkt: »Schau hinaus ins Geißstallerl! Ob's nit so sauber ist, daß man am Sonntag vom Stallboden essen könnt.« Mit Tränen in den Augen zündete sie einen Kienbrand an und verließ die Stube, um draußen noch ein bißchen nachzufegen. Da wurde plötzlich der Hiesel Schneck ein völlig anderer. Alle Wut erlosch in ihm. Schweigend sah er die kleine Stalltür an, in den kreisrunden Augen einen so hilflosen Kummer, daß sein weißschnauziges Gesicht etwas Kindhaftes bekam. Wie zerschlagen an allen Knochen trat er zum Herd, um ein glühendes Kohlenbröckl in die Pfeife zu legen.