Der Weg zu den Stiftsgefängnissen wurde in dieser Zeit das belebteste Sträßl im Land. Um der jungen Mädchen willen gab es blutige Schlägereien zwischen den Burschen und Musketieren. Die Soldaten und ihre Rosse fraßen die evangelischen Bauern arm. Was in den Seelen der Bedrückten noch übrig blieb an Hoffnungsfestigkeit, das wurde gebeizt und gesotten bei den stundenlangen Hauspredigten der Kapuziner. Von ihrem schwitzenden Eifer kam ein Sprichwort in Umlauf: »Der tröpfelt wie ein Bußprediger.« Und was diese emsige Seelsorge, was die Muketiere und ihre fressenden Gäule, die Polizeiverhöre und die Herbergsstunden ohne Mond und Sonne nicht fertig brachten, das vollendete die Verhetzung innerhalb der evangelischen Familien, die Behinderung eines jeden Erwerbs, der Frondienst und die Geldbuße, die Viehpfändung, der Entzug des Hauslehens und noch eine andere dunkle Sache, die im ganzen Lande wie ein drückender Alp auf allen Menschen lag. Es schien, als ginge in den Häusern einer umher, der nicht zu sehen, nicht zu hören und nicht zu greifen war, jedes Wort erschnappte, jede Rede verdrehte, jeden Gedanken herauskitzelte und denunzierte. Dank diesem emsigen Lauschergeiste war der Landrichter Willibald Halbundhalb durch die gesteigerten Geschäfte seiner Wahrheitsforschung so grausam überbürdet, daß man ihm vier Assessoren zur Hilfe beigeben mußte. Weil der Herbergsraum ohne Mond und Sonne stets überfüllt war, wurde, um Platz zu sparen und die Einkünfte des Stiftes zu erhöhen, alles minder Gravierende durch hohe Geldbußen erledigt. Das hatte einen doppelten Erfolg: zum erstenmal seit Jahren konnte die Rechnungskammer des Stiftes die an Ostern fälligen Schuldzinsen glatt begleichen, und noch vor dem Palmsonntag konnte man amtlich registrieren, daß von den Siebenthalbtausend der jubelnden Bekennertage schon mehr als die Hälfte bußbereit wieder heimkehrte zum »fürstpröpstlichen Glauben«. Gegen die dreitausend noch Verstockten wurde das Exulations-Edikt an allen Kirchtoren von Berchtesgaden angeschlagen.
Wie schweres Nebelgewölk, so lag die dumpfe Herztrauer der Wehrlosen über dem ganzen Land. Aber auch diese Zeit, so unerträglich sie war, konnte den Witz des gesunden Volkes nicht völlig ersticken. Unter das Polizeigebot, das neben dem Exulations-Edikte angenagelt war und jeden »Befund dreier gleichzeitiger Personen auf der Straße« mit schwerer Strafe bedrohte, hatte einer die Frage geschrieben: »Wie ist das bei einer schwangeren Mutter, die mit Zwillingen geht? Das sind doch auch drei Gleichzeitige? Muß da der Muckenfüßl vor dem Grillenhäusl auf die Überzähligen passen? Oder muß er die Haustür einschlagen?« Der Wahrheitsforscher mit den vier überflüssigen Federstrichen, der den Dichter des Volksliedes vom Dr. Halbundhalb noch immer nicht ausgeforscht hatte, mußte sich mit einem neuen Geheimnis der Schriftenkunde befassen, um es nicht zu lösen.
Die Sonne begann zu lachen und machte die Tage vor dem Osterfeste lind und schön. Auf den Talwiesen begann das erste Grün zu spitzen, an den Bächen kätzelten die Weidenstauden und auf den Berghängen schrumpfte der Schnee immer weiter durch die Wälder empor.
Am Morgen des Karfreitags wanderte Hiesel Schneck mit seiner Schneckin nach Bischofswiesen, um das heilige Grab zu besuchen – der Hiesel trotz der himmelschönen Frühlingsfrühe verdrossener als je, das Schneckenweibl bei aller Seelenangst viel freudenreicher als seit Wochen. Wie warm die Sonne heizte, das schien die Schneckin nicht zu bemerken; sonst hätte sie nicht das dickgefütterte Wintermäntelchen mit dem neuen Fuchspelzkragen spazierengeschleppt. Jedem Menschen, dem die beiden begegneten, sah die Schneckin fragend in die Augen. Dann bekam der andere einen scheuen Blick und dachte: »Der bin ich verdächtig!« Die Schneckin aber schmunzelte stolz: »Dem gefallt mein Fuchspelzl auch!«
Um für Hiesel einen freien Morgen zu machen, hatte Leupolt den Hegerdienst übernommen. Seine Karfreitagsandacht hielt er im Bergwald. Nur der Gott, an den er glaubte, sah den Leupolt Raurisser zwischen den ersten Frühlingsblumen des Waldes knien, mit gefalteten Händen, mit entblößtem Scheitel, mit klingender Menschenseele, mit hoffendem Glanz in den Augen. Wie aus Holz geschnitten sah er aus, in dem verwitterten Bergjägerkleid, mit den starr und grau gewordenen Wundverbänden um den Hals, um Fußknöchel und Handgelenke. Das Rauschen der Frühlingswässer und leises Vogelgezwitscher war um ihn her, und durch das kahle Gezweig der Buchen, an denen die Knospen zu schwellen begannen, spann die Morgensonne ihre funkelnden Fäden. Als er heim kam ins stille Jägerhaus, brannte er auf dem Herd ein Feuer an und hängte den kupfernen Wasserkessel drüber. Mit dem warmen Wasser weichte er die zusammengekrusteten Verbände auf. Die Wunden waren geheilt. Die erneute Haut umzog den braunen Hals wie ein weißes Band. Ebenso war's an den Fußknöcheln und Handgelenken. Lächelnd flüsterte Leupolt vor sich hin: »Vergeltsgott, Luisli!« Und weil er's nicht übers Herz brachte, die Verbandlappen fortzuwerfen, verbrannte er sie im Herdfeuer. Aus der Flamme quoll ein feiner Harzduft heraus, der an den Wohlgeruch des keimenden Waldes erinnerte. Leupolt wusch sich und zog die Feiertagskleider an, die seine Mutter ihm geschickt hatte. Im Herrgottswinkel aß er die Geißmilchsuppe. Dann setzte er sich vor der Haustür auf das sonnige Bänkl. Wie still und schön war diese heilige Frühe! Jedes Gefühl in ihm verwandelte sich in dankbare Andacht, die schmerzend umschleiert war von den Gedanken an die leidenden Glaubensbrüder. Wie mochte es aussehen in den Herzen der Schwachgewordenen, die unter Gewalt und Pein die Wahrheit ihrer Seelen verleugnet hatten? Wie in den Herzen der aufrecht Gebliebenen, die keinem Zwang sich beugten und doch der Stunde entgegenzitterten, in der sie, verarmt und schutzlos, zum Exulantenstecken greifen und die Heimat verlassen mußten, um einem ungewissen Schicksal entgegen zu wandern.
»Gott soll dich hüten, mein liebes Glück! Ich geh mit der ersten Schar.«
Ruhigen Auges hinausblickend in den Glanz der Morgensonne, überlegte er, wie er den Wandernden nützen könnte, welchen Weg sie nehmen, wohin sie sich wenden sollten auf der Suche nach einer neuen Heimat? Übers Wasser nach England oder Amerika? Auf Landwegen nach Holland oder Dänemark? Solchen Weg hatten viele von den Salzburgern genommen. Leupolt schüttelte den Kopf. »Sind wir nit deutsche Leut? Wir gehören auf deutschen Boden!« Da gab's nur einen einzigen Weg: über den Main und über die Elbe hinunter, ins preußische Land. Aber wie für die weite Wanderung alle nötigen Mittel finden, Zehrung für die Verarmten, Pflege für die Erkrankten, neues Heimatland, Boden für den Hausbau, Balken und Kalk, Hausrat und Ackerzeug? Wer wird da brüderlich und barmherzig sein? Wer wird helfen? Leupolt hob das Gesicht zur Sonne. »Einer, der allweil hilft!« Da fiel ihm etwas zwischen die Hände, die er auf den Knien liegen hatte. Wie der Schauer eines heiligen Geheimnisse durchrieselte es ihn, als er das goldgelbe Aurikelsträußchen betrachtete, das ihm zugeflogen war, als wär' es heruntergefallen vom Himmel. Ein heißer Glücksgedanke durchzuckte sein Herz. Gleich verwarf er ihn wieder. An das Luisli zu denken, war Torheit, war Irrsinn!
Jetzt hörte er hinter der Hausecke die Sprünge eines flinken Fußes über kiesigen Grund. Er lief zur Hauskante hinüber und sah ein blondschopfiges Mädel zwischen den Fichtenstauden verschwinden. War das nicht die Tochter der Hasenknopfin? Dann war der Hasenknopf von seiner Wanderung ins Preußische heimgekommen! Und in dem Sträußl war eine Botschaft! Leupolt suchte zwischen den Blüten. Unter den grünen Stengeln knisterte was: ein kleiner Zettel, eng beschrieben mit verstellter Schrift, in der Ecke ein Kreis mit vier Punkten – das nur den Verläßlichsten bekannte Namenszeichen des Hasenknopf. Leupolt las: »Es ist ein heilig Ding, ist deins und meins. Dem mußt du dienen. Vor dem Neumond, am Abend um die fünfte Stund, da kommen von Reichenhall zwei Auslandrische geritten, ein evangelischer Herr mit seinem Diener. Die mußt du erwarten, wo man die verbronnene Plaienburg sieht. Tu dich ausweisen mit deinen Wundmalen. Du mußt um Christi willen gehorsamen, auch wenn es so ausschauen tät, als wär's gegen Treu und Eid. Es ist nit so, ist alles zu christlicher Hilf. Es wollen die zwo in der Neumondnacht zu einem, der nimmer lebt und ewig lebendig bleibt. Da mußt du sie umsichtig führen und gut behüten. In Jesu leb ich, in Jesu sterb ich. Den Zettel mußt du verbrennen. Gleich.« Ein zweitesmal las er, ein drittesmal. Dann ging er ins Haus, legte den Zettel auf die glühenden Kohlen und sah ihn zu Asche werden.
»Ein Helfer kommt!«
Die Freude machte ihm das Blut in den Adern heiß, machte ihm das Herz gegen die Rippen hämmern. Den Helfer führen? Zu einem, der nimmer lebt? Das war der Tote Mann, der Ramsauer Waldberg, auf dem die Evangelischen in der Neumondnacht sich versammelten.