Leupolt, langsamer schreitend, blickte nicht auf den Pfad, sah und lauschte immer gegen den Hallturm hinüber. Und plötzlich sprang er auf die Stauden zu, wandte sich gegen die bayrische Grenze und verschwand hinter brechendem Gezweig.
»Leupi!« schrie die Mutter mit erdrosseltem Laut.
Ein Rauschen im Gebüsch. Nun tauchte er aus den Stauden heraus, Schreck und Hoffnung in den Augen. Ein heißer, glückseliger Schrei: »Herr Jesus! Mutter!« Hätte sie es noch nie gewußt, wie er hing an ihr, mit jeder Faser seines Lebens, mit jedem Blutstropfen seines Herzens, so hätte ihr's dieser Schrei gesagt, dieses glückliche Aufglänzen seiner Augen. Lachend wie ein Kind, stieß er den Griesstecken in den Wiesgrund, warf das Hütl dazu und sprang ihr entgegen: »Mutter! Mutter! Mutter!« Verstummend riß er sie an sich, und sie hing an seinen Hals geklammert, in Freude stöhnend unter dem Druck seiner stählernen Arme.
Nicht weit von den beiden stand eine Zitternde im Schatten des Waldes und preßte das Gesicht in die Hände. Noch in keiner träumenden Sonnenstunde, noch in keinem Blutschauer ihres jungen Leibes, in keiner von den schlaflosen, mit wirrem Gebet durchstammelten Nächten hatte sie so brennend den Durst nach dem Augenblick empfunden, in dem seine Arme sie umklammern würden, wie er jetzt die Mutter umschlungen hielt.
Er hob das Gesicht. Weil die Haube seiner Mutter zurückgefallen war in den Nacken, sah er das graugewordene Haar. Schweigend küßte er den entfärbten Scheitel, preßte die Mutter noch fester an sich, erschrak – und fragte: »Hab ich dir weh getan?«
Mit feuchten Augen lachte sie an ihm hinauf. »Das ist doch einer Mutter liebste Freud, wenn sie merkt, wie stark ihre Buben sind. Jetzt ist mir's mit blauen Flecken auf den Leib geschrieben, wie gesund du wieder bist.« Sie sah die weiße Narbe an seinem Hals und strich mit den Fingerspitzen drüber. »Du, das ist schön geheilt.«
Er nickte. »Was du mir geschickt hast von ihr, ist wie ein Wunder gewesen. Sag ihr ein Vergeltsgott von mir! Sag ihr: mir ist gewesen wie einem Baum, wenn ihm der Frühling die Eisrind forthaucht! Mutter, wie lebt sie? Wann hast du sie das letztmal gesehen?«
Ein Erglühen ging ihr über das Gesicht. »Nit lang ist's her.«
»Das mußt du mir alles erzählen – einmal – nit jetzt.« Er warf einen forschenden Blick nach dem Stand der Sonne. »Heut haben wir nit viel Zeit. Ich muß einen Weg machen, den ich nit versäumen darf. Aber allweil reicht's noch ein paar Vaterunser lang. Muß ich halt nachher doppelt springen.« Er sah nicht, wie sie erblaßte. »Da drüben, komm, wo der Baum liegt, können wir uns niedersetzen.« Die Wange an ihr Haar schmiegend, führte er sie über den Weg hinüber. Als sie auf dem Baumblock saßen, nahm er ihre Hände. »Wie geht's dem Vater und den Brüdern?«
Alle Freude war zerdrückt in ihr. »Wie's einem halt gehen kann in heutiger Zeit. Keiner hat mehr ein richtiges Lachen.«