»Bereuen?« Er richtete sich auf. Sein Lächeln blieb. »Ich wüßt nit, was ich bereuen müßt. Mein Weg ist ein anderer, als du meinst. Das ist ein Festes. Ich geh mit der ersten Exulantenschar. Aber kommen tu ich noch. Zu dir. Und frag dich, ob du mitgehst.«

Sie wehrte mit den Händen.

»Nit so! Das mußt du dir in Ruh überlegen. Kannst du es tun, so sollst du auf jedem Weg meine Händ unter deinen Füßlen spüren. Mußt du Nein sagen, so bleib ich allweil – ich weiß nit wo – der deinige bis zum letzten Schnaufer.« Ein tiefer Atemzug. »Jetzt muß ich fort. Die Sonn will über den Berg hinüber.« Seine Hand umschloß die ihre. »Du Liebe! Alle Gütigen im Himmel sollen dich hüten! – Und dich, Mutter!« Ein paar flinke Sprünge, und er war schon drüben bei den Stauden. Da verstellte ihm einer den Weg. Betroffen wandte Leupolt das Gesicht und sah in die leuchtenden Augen des Meister Niklaus.

Ein leises, fröhliches Wort. »Bub, du hast es mir leicht gemacht. Ich will bekennen.«

In heißer Freude klammerte Leupolt die Hand um die Schulter des Meisters. Ein Zögern, ein kurzer Kampf, nun ein rasches, lachendes Flüstern: »Tu dich aufrichten! Ein Helfer kommt.« Dann sprang er in die Stauden und war verschwunden. Wie ein Träumender sah Niklaus zu seinem Kind hinüber, das schluchzend am Hals der Mutter Agnes hing.

Pfarrer Ludwig kam auf den Meister zugegangen, viel größer, als er vor einer Minute ausgesehen hatte. »Nick? Was sagst du?« Er deutete mit dem Hakenstock gegen die Stauden hin, die hinter dem Verschwundenen noch schwankten. »Wie der Bub davongesprungen ist, da hab ich mir was denken müssen.« Seine Stimme bekam einen jungen Klang. »Römisch oder evangelisch? Das ist die Frag nit. Zwei feste Geschwister, die Zeit und der Menschenverstand, die werden Brücken bauen. Die Frag für uns ist: deutsch oder undeutsch! Laß den deutschen Boden verkuhwedelt sein, pariserisiert und versaut, wie er mag –« Wieder deutete er gegen die Stauden hin: »Die Rass' schlagt allweil wieder durch. Wie der Bub da, sind Tausend und Hunderttausend im Reich. Sie wissen es nit. Und hegen es doch in sich wie ein heiliges Feuer. Wann das Aufwachen kommt? Wann dem blauen Untersberg da draußen die schläfrigen Riegel springen? Ob morgen oder in hundert Jahr, ich weiß nit, wann – – ich weiß nur: es kommt!« Er legte dem Freunde lächelnd den Arm um die Schultern und deutete gegen die Buchen, in deren Wipfelgezweig eine Ringdrossel flötete. »Lus, Nicki! Ein deutsches Lied! Ist's nit noch schöner, als wie der Amsterdamer Vogel singt?«

In das leise Lachen des Pfarrers schnitt ein klagender Mädchenlaut hinein. Luisa taumelte auf den Vater zu und weinte: »Tu mich wieder zu den frommen Schwestern ins Kloster! Alles in mir ist Sünd, die mich verbrennt. Beten kann ich nimmer, wenn ich nit bet' für ihn. Und jedes Gebet für ihn ist Frevel wider Gott. So kann ich nimmer leben. Alles ist Trauer, alles ist Elend! Wo ist die Ruh?« Aufschreiend lief sie mit flatterndem Kleid durch das leuchtende Tälchen. Und die Mälzmeisterin zappelte erschrocken der verzweifelten Mädchenseele nach, klagend, bettelnd, mit beruhigenden Worten, schließlich ein bißchen scheltend. Auch Meister Niklaus wollte springen. Der Pfarrer hielt ihn am Ärmel fest. »Nur nit verlieren, was die Neuenstein als Kontenanz bezeichnet. Laß das kleine Weibl sich ausheulen. Ein Wasser oder ein tiefer Graben ist nit in der Näh. Und daß sie wie ein Eichkätzl auf einen Baum hinaufkraxelt und herunterspringt, ist mehr als zweifelhaft!«

Während die beiden Männer davonschritten durch die Nachmittagssonne, hörte man die Sorgenstimme der Schneckin und das Schellengebimmel der Ziegen, die aus ihrem reinlichen Ställchen mit erleichterten Eutern wieder hinaustrabten zu ihrer duftenden Frühlingsweide.

[Kapitel XXII]