Tiefe Schwermut umschleierte alles Schöne in seinen Augen. Was der Geheimrat mit vorsichtiger Mahnung zu ihm redete, schien er nicht zu hören. Plötzlich, wie ein Erwachender, streckte er sich, weil er den flötenden Schlag einer Ringdrossel vernommen hatte. Mit stillen Augen sah er umher, war ruhig und sagte ernst: »Es ist wohl so, weil es so sein muß. Damit ich lerne, unter dem meschanten Gesindel für mich allein zu bleiben. Würde der Olympier eine Olympierin finden, das gäbe Söhne, die diese miserable Welt übern Haufen schmeißen, um aus den Scherben eine neue zu machen, die besser ist.« Über dieses Wort befiel ihn selbst ein Verwundern, das sich vor dem seltsamen Blick seines Begleiters verwandelte in einen knabenhaften Schreck. Sein verjüngtes Gesicht war glühend vor Scham, seine flüsternde Stimme hatte fast den Klang einer ängstlichen Bitte: »Danckelmann! Sie werden vergessen, was ich da sagte in meiner Torheit.« Nach einer Weile, die Zügel des Gaules kräftiger fassend, sprach er hart vor sich hin: »Es ist meines Vaters Wille. Da gibt es keine Antwort als Gehorsam. Ich darf und will den Vater durch Stützigkeit nicht mehr irre machen, seit er mit Überraschung zu der Ansicht kam, daß etwas in mir steckt. Es gab eine rote Stunde, in der ich ihn für einen Tollhäusler hielt. Nun weiß ich, daß sein Verstand um so tiefer ist, je langsamer er sich offenbart. Ich muß mich strecken nach seiner Größe. Wenn später alles drunter und drüber ginge, würde er im sicheren Steinsarg über mich lachen. Das wäre noch übler, als sein grober Stock gewesen. Besser, ein um eigene Schuld Geprügelter zu sein, als fühlen, daß man verachtet wird.«

Er deutete mit der Reitgerte nach den blühenden Erikastauden, die den südwärts blickenden Straßenrain überwucherten. »Wie schön! Was Frühling heißt, ist der einzige überzeugende Gottesbeweis.« Er lächelte. »Bei uns daheim in der Haide sind sie noch schöner.« Das Pferd verhaltend, sah er in die nördliche Ferne. »Heimat? Ich sehe Moor und Sand. Sehe den Rauch der schmacklosen Abendsuppen von Zorndorf, sehe den schlammigen Fluß, armselige Dörfer und schläfrige Menschen.« Ein Aufzucken des schmächtigen Körpers. »Sie sollen erwachen.« Er trieb das Pferd, hatte enggereihte Falten auf der jungen Stirn und lachte. Ein Blick in das von einem weißen Bach durchsprudelte Waldtal, über dessen Wipfel der Hügel mit den Ruinen der Plaienburg hervortauchte, entriß ihm einen Ausruf des Entzückens. Alle Freude des Schauens sprudelte jugendlich aus ihm heraus. Immer deutete seine Hand mit der Reitgerte. Immer sprach er, immer fröhlicher und erregter, in enthusiastischen Ausdrücken, in französischen Verzückungen, die sich anhörten wie Verse. Plötzlich ein müder Blick auf den Begleiter. Dazu in deutscher Sprache die halb verdrießliche, halb ironische Frage: »Wat, Geheimrat? Ick quazle wohl wieder etwas kopiösemang?«

Danckelmann antwortete lächelnd: »Kein Wort, das ich nicht gerne gehört hätte.«

Der junge Oberst, wieder französisch, sagte mit irrendem Blick: »Wenn man seine Fehler nur einsieht. Da ist Hoffnung vorhanden, daß ich noch der Einsilbigste aller Deutschen werde.« Verstummend trieb er das Pferd. Die Straße führte auf ebener Strecke in einen hochstämmigen Wald, der verwüstet war vom Bergwinter. Wirr hingen Hunderte von Bäumen durcheinander, die unter dem Schneedruck niedergebrochen waren. »Hier sieht es aus wie im verunheiligten Deutschen Reich.« Kühler Abendschatten fiel über die beiden Reiter herab. Die Pferde trabten. Danckelmann schaukelte sich gewandt im Sattel. Sein Begleiter bockelte mit losen Ellenbogen, zeichnete schlaffen Körpers jede Unebenheit des Bodens nach, schien das alles nicht zu fühlen und war in Gedanken versunken. Da kam eine Lawinengasse, die der stürzende Schnee von der Berghöhe hinuntergebrochen hatte bis in die Bachtiefe. Die Straße war überworfen von einem breiten Buckel festgestampfter Schneemassen, aus denen zersplitterte Äste und zerquetschte Wipfel hervorlugten. Danckelmann hielt: »Wie bringen wir da die Pferde hinüber?«

Drüben stand der Soldat. Er hatte seine beiden Gäule dem Reitknecht des Geheimrats übergeben und wollte über die Schneewulsten herüberklettern, um das Pferd seines Vorgesetzten zu führen. Der rief ihm ärgerlich zu: »Bleib, wo de bist!« Die Reitgerte zischte. Ein Dutzend wilder, hin und her schwankender Sätze, und der glanzhaarige Fuchs mit seinem Reiter war drüben. Der junge Oberst lachte. Die Sache schien ihm Spaß gemacht zu haben. Nun sah er verwundert den Soldaten an. »Kerl? Wat machste da? 'n Cavalerist des Königs von Preußen jehört mit seinen Arsch in den Sattel. Nich mit den Stiebeln in die Drecksuppe.« Erschrocken rannte der Soldat in seinen plumpen Klapperschäften davon, daß der steife Zopf hinter seinem Nacken pendelte. Erst jetzt erinnerte sich der Oberst seines Begleiters. »Ach –« Er wandte das Pferd. Da fiel ihm ein Bild von hinreißender Schönheit in die Augen. Zwischen den schwarzgrünen Baumwänden der Lawinengasse sah man einen Ausschnitt des Reichenhaller Tales. Die winzigen Dächer, die Herden auf der Weide, die Wiesen, die Brachfelder und Hecken, die Bäche und Wäldchen, alles funkelte vom Glanz der Abendsonne, nicht wie etwas Irdisches, sondern wie ein märchenhaftes Spielzeug, in Schimmer herausgeschnitten aus blankem Kupfer. Und hinter diesem frohen Geglitzer stand ernst und schön, in tiefes Blau getaucht, die steile Schattenwand des Hohen Staufen. Der Berg mit seiner weißen, von Glanz umzüngelten Höhe war anzusehen wie ein Riesenfürst auf seinem Thron, wie ein kaiserlicher Greis im wallenden Weißhaar, unbeweglich, mit schlummernden Augen, auf der hohen, reinen Stirn die strahlenzuckende Krone.

»Danckelmann!« Das klang wie der atemlose Schrei eines von Freude verwirrten Kindes. »Kommen Sie! Das müssen Sie sehen! Gibt es denn solche Dinge auf der Welt? Geheimrat! So kommen Sie doch endlich! Das Herrliche beginnt zu erlöschen.«

Eben kletterte Danckelmann mit seinem Falben vorsichtig über den Lawinenschnee herunter. Was er noch zu sehen bekam, war verdämmernde Schönheit.

Der junge Oberst saß unbeweglich im Sattel, das scharfgeschnittene Gesicht zur Höhe gehoben. Als die letzte Strahlenflamme des weißen, sich blau umschleiernden Berghauptes zu schwinden begann und nur noch eine dünne Feuerlinie die steilen Schneegrate säumte, trank er einen tiefen Atemzug in seine schmale Brust und sagte langsam: »Ich habe gesehen, was noch keiner sah.«

Danckelmann, ein bißchen verstimmt, betrachtete ihn verwundert, eine Frage nur in den Augen.

»Ich sah das Gewesene und sah das Kommende.« Ein Lächeln von heiliger Innerlichkeit. Ruhig wandte er das Pferd und ritt in den stillen, dunkelnden Wald hinein. Blitze flammten in seinen herrlichen, stahlblauen, weitgeöffneten Augen. Jäh beugte er sich aus dem Sattel und legte seine Hand auf den Arm des Begleiters. »Nein! Ich habe nicht zu teuer bezahlt. Um einen Hauch Freiheit zu atmen, kann man kuschen wie ein Hund. So stark ist keiner, daß ihn Gemeinheiten, die er erleben muß, nicht schwach machen. Man muß hinunter, Danckelmann, tief hinunter, um die Wege zur Höhe zu finden.« Er zog die bartlosen Lippen von den Zähnen. »Im Mai oder Juni sperren sie mich in das Grillenhaus einer fürchterlichen Ehe. Ich genieße die ersten und letzten Tage meiner Freiheit. Was kommt, ist Pflicht. Sie wird hart sein.« Der Ernst dieses Wortes schlug über in einen klagenden Laut. »Wer hilft mir?« Dann sagte er deutsch: »Ick bin ein egariertes Schaf des Lebens, habe keen Menschenskind, das mich zu wat nütze is, habe nur mir selbst, den dubiosesten von allen Wegweisern.« Das Gesicht, das der Geheimrat zu diesen Worten machte, schien dem jungen Oberst die verlorene Heiterkeit zurückzugeben. Lustig tippte er mit der Reitgerte nach seinem Begleiter, als möchte er vom Mantelkragen des würdigen Herrn eine Fliege fortkitzeln, und fragte französisch: »Ist das nicht wie ein spaßhaftes Wunder? Daß ich da so lakaienfern und unbeschnüffelt reite wie in einem Märchenwald und noch immer auf meinen Schultern einen Kopf habe.«