Ein stumm gleitender Blick des Erwachens, ein staunendes Beschauen des von Rotglut durchschimmerten Raumes. Fester gegen die Balkenmauer rückend, hüllte sich der junge Oberst wieder in seinen Mantel, schloß die Augen und sagte mißmutig: »Weck er mich, wenn es Zeit is. Nich früher.«

Wieder die rotflimmernde Stille, das schwere Atemziehen des Geheimrates und das Duselgebrumm des Hiesel Schneck. Leupolt saß unbeweglich, beugte nur manchmal den Kopf, um durch das kleine Fenster nach dem Stand der Sterne zu schauen. Als es auf Mitternacht zuging, legte er Kienspäne über die Glut, gab ein paar kleine Scheite in die sich ermunternde Flamme, goß die Geißmilch in die Kupferpfanne und stellte sie über den Feuerbock. Nun weckte er den jungen Schläfer am Herd. »Herr! Zeit ist's!« Der Oberst fuhr in die Höhe, straffte sich nach militärischer Art und sprach ins Leere: »Me voilà! Je ne dors plus! Befehlen Sie, Vater! Ick will gehorchen.« Da hörte er das freundliche Herdgeprassel, schien völlig zu erwachen, streifte mit einem prüfenden Blick den Jäger und sagte ruhig: »An jedem Morgen soll man sich erinnern, daß man Gottes is. Sprech' er ein Gebet!«

Leupolt kniete auf das Herdmäuerchen hin, verschlang die Hände vor der Brust und betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst mein Heil und meines Herzens Trost.« Gleich bei den ersten Worten des Gebetes hatte der junge Oberst blitzschnell das Gesicht gegen den Jäger gedreht. In seinen Augen war eine Verblüffung, die sich in Zorn zu verwandeln drohte. Leupolts Anblick schien den Erregten wieder zu beruhigen. Mehr neugierig als unmutig fragte er: »Wie kommt er zu diesem Gebet?«

»So hat uns auf dem Toten Mann ein Salzburger fürgebetet, der uns Botschaft gebracht hat aus dem Preußischen. Er hat erzählt: so hätt er den preußischen Königsprinzen beten hören, der den Exulanten beigesprungen ist mit hilfreicher Güt. Jetzt bet ich allweil so. Die schönen, gottsfreudigen Wörtlen haben mich hinübergehoben über viel Hartes.«

Der junge Oberst legte die Hand auf Leupolts Arm. »Det Gebet for sich alleene macht es nich. Gott is am willigsten, den Starken zu sekourieren, der sich spontanément zu helfen weiß.« Lächelnd ging er zur Heutruhe, weckte den Geheimrat, indem er ihn mit einem Halm an der Nase kitzelte, brach über Danckelmanns Ermunterungsseufzer in Lachen aus und begann mit ihm in französischer Sprache ein hurtiges Geplauder. Dabei rasselte sich auch der Hiesel Schneck aus seinem letzten Schnarcher heraus, schien nicht zu wissen, wessen Gottes er war, und begrüßte die Mitternachtsstunde mit einem gegen die Haare gebürsteten Himmelhund.

Nach der Geißmilchsuppe brachte die Schuhprobe ein paar muntere Minuten. Dem Geheimrat saßen die neuen Schuhe des Leupolt wie angemessen. Die Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls mußten, um für das schlanke ‚Weiberleutsfüßl‘ des Soldätleins zu passen, zwischen Leder und Söckeln noch ein bißchen mit Heu gepolstert werden. Die Schneegamaschen, die darüberkamen, hielten alles verläßlich zusammen. Und nun hinaus in die kühle, schwarze, von großen, strahlenschießenden Sternen durchfunkelte Neumondfrühe. Ein schönes Rauschen ging über die finsteren Wipfel hin. Alle paar Schritte stehen bleibend, spähte der junge Oberst unersättlich in diesen wundersamen Nachtzauber. Mit enthusiastischen Worten stammelte er sein Entzücken vor sich hin und sagte französisch zu Danckelmann: »So groß und weit und herrlich sind die Nächte in der Tiefe nicht. Auf der Höhe zu wandeln, hat seine kostbaren Reize.« Er tappte bis an die Hüften in ein Schneeloch hinunter, zog sich lachend heraus und scherzte: »Tiens, voilà mon sort, auf herrlicher Höhe gibt es auch Löcher, um sich die Knochen zu brechen – eine Erfahrung, die mir nicht neu ist, obwohl ich zum erstenmal im Leben einen rechtschaffenen Berg besteige.« Hiesel, der sich über das viele Französisch ärgerte, knurrte spöttisch: »Gelt ja, sterngucken und bergkraxeln passen nit gut zu einander! Verstehst? Mit'm Nasenspitzl in der Höh geht's allweil abwärts, nie nit aufwärts.« Kopfschüttelnd tappte er davon. »Und söllene Kniespatzen möchten die christliche Welt umschustern.« Der junge Oberst, der den Sinn dieser Worte nur halb, aber zureichend die Grobheit ihres Tones verstanden hatte, rief erheitert zu Danckelmann zurück: »'n agreabler deutscher Bruder!«

Da mahnte Leupolt, der den Geheimrat am Henkel hatte: »Schneck! Mach langsame und feste Tapper, daß der Herr hinter dir in gute Stapfen kommt.« Nun wanderten sie schweigend hintereinander. Manchmal trug die gefrorene Schneedecke, dann kamen wieder mürbe Stellen, an denen man hinunterbrach bis übers Knie. Schon nach einer Viertelstunde fragte Danckelmann in Erschöpfung: »Haben wir noch weit?«

»Nit, Herr! Ein paar hundert Vaterunser. Sonst ist die Fürsagung allweil ganz da draußen gewesen auf dem Toten Mann. Heut ist sie ein Stündl herwärts. Daß die Herren nit gar so weit steigen müssen, bloß ein Katzensprüngl.« Seufzend machte der Geheimrat die Bemerkung: »Die Katzen von Berchtesgaden, nach ihren Sprüngen zu schließen, scheinen Tiger zu sein.« Aus dem geschlossenen Walde ging es hinaus auf eine freie, steile Schneelehne, an die hundert Schritte breit. Schneck und der junge Oberst hatten den weißen Steilhang schon zur Hälfte überquert, als ihn Leupolt mit dem Geheimrat erreichte. »Jetzt ein bißl Fürsicht, Herr! Der Schnee könnt rutschen.« Leupolt hatte kaum gesprochen, als sich über die Lehne her ein leiser, lachender Schrei vernehmen ließ. Mit dem jungen Oberst war eine stubengroße Schneescholle ins Gleiten geraten. Und je mehr der Lachende sich plagte, um aus der rutschenden Masse herauszukommen, desto tiefer sank er in den gleitenden Teig. »Jesus!« brüllte der Hiesel Schneck. Er dachte an die Wände, die da drunten waren, und machte Sprünge wie ein irrsinniger Wolf. Und von der anderen Seite der Lehne kam Leupolt schief heruntergesaust und überholte die rutschende Scholle. Zwischen zwei Felszacken eingestemmt, warf er seine Brust dem gleitenden Schnee entgegen. Er wurde weiß überschüttet. Die fahrende Masse stockte einen Augenblick, und da sprang der Hiesel über die Wulsten her, riß das halb versunkene Soldätl, das noch immer lachte, aus dem Schnee heraus, umklammerte den schlanken Körper unter den Armen und steuerte mit wilden Sprüngen, die der andere gelehrig mitmachte, gegen den festen Waldgrund hinüber. »Hiesel?« schrie Leupolt aus der Nacht heraus. »Hast du ihn?«

»Wohl!«

Von droben klang die aufgeregte Stimme des Geheimrates: »Ist etwas geschehen?«