Meister Niklaus grübelte, um des Pfarrers Ausrede in Worte zu bringen, die nichts verrieten und für den Leupolt doch verständlich waren. Während er kritzelte, mußte er immer an den Hochwürdigen denken. Der hatte wohl jetzt im Fürstenzimmer des Stiftes eine gefährliche Viertelstunde zu übertauchen? Was Meister Niklaus da vermutete, war ein Irrtum. Und ein Irrtum war es auch, wenn Mutter Agnes ihren Buben in der düsteren Jägerstube sitzen sah, bedrückt von Gewissenspein und Sorge. –

Leupolt war um diese Stunde von Sonne umglänzt, von blendendem Weiß umfunkelt. Und Ruhe war in seinem braunen Gesicht, in seinen stahlblauen Augen. Er stand auf dem Beinschlitten, hinter einem großen Sack, in dem er gedörrte Rüben für das hungernde Hochwild zu dem Ufer bringen mußte, das der Fischmeisterei von Bartholomä gegenüber lag. Da hinüber war's nur ein kurzer Weg, und dennoch mußte Leupolt einen langen machen, um den durch das Eis gerissenen Frageln auszuweichen, aus denen das geschwellte Seewasser mit Gesprudel herausquoll. Alle Kraft des Jägers gehörte dazu, um gegen den Föhnsturm aufzukommen. Jetzt mit einer flinken Wendung ans Land, den Sack auf die Schulter und über die weiße Böschung hinauf. Von zahlreichen Hochwildfährten war der Schnee zertreten zu einem brösligen Wirrwarr. Gleißende Lichter und blaue Schatten. Das beschneite Gezweig der Buchen war wie ein wundervolles Silbergespinst, das der Goldschmied Gott verziert hatte mit Millionen farbigblitzender Edelsteine. Auf vierzig Schritte standen im weißen Walde schon die Muttertiere mit ihren Kälbern und warteten. Ein paar geringe Hirsche bei ihnen, und schlanke, feinbewegliche Jüngferchen. Von den Gutgeweihten, die Leupolt zählen mußte, war noch keiner zu sehen. Scheu waren auch sie nicht; die Not des Winters zähmt die Wildesten; aber weil sie die Starken waren, konnten sie geduldig sein und der Schwäche den Vortritt lassen.

In flinker Arbeit schleppte Leupolt die Heubündel aus der Scheune, füllte die Raufen und schüttete das Kernfutter in die langen Tröge. Dann schlüpfte er am Ufer unter den kleinen verschneiten Hegerschirm, der einen doppelten Ausguck hatte. Die eine Luke guckte nach Bartholomä und zeigte ein von Sonne umflimmertes Bildchen. Die kleine Kirche, halb weiß und halb im Blauschatten; daneben der altersgraue Jägerkobel, ein Balkenhaus, das unten Schiffhütte war und im Oberstock die Stuben der Jäger und Fischer enthielt; dahinter das langgestreckte Jagdschlößchen der Stiftsherren, umgeben von den Silbergestalten der verschneiten Bäume, als Hintergrund die Kletterwände des Wazmann mit dem blauen Himmelsdach. Die andere Luke des Hegerschirmes war gegen die Wildraufen gerichtet. Hier blieb's noch eine Weile still. Wo die Sonne glänzte, blitzten viele von den farbig funkelnden Edelsteinen durch die Luft herunter und versanken im Schnee. Nun sicherte langsam ein Muttertier mit dem Kalb heran. Dann erschien ein Spießerchen im spanischen Tritt und blieb noch eine Weile mutlos. Zwei Jungfern kamen herbeigetrippelt, und als diese ersten mit den Äsern in die Futtertröge fuhren, galoppierte das Kahlwild mit Geprassel von allen Seiten gegen die Raufen hin. Lächelnd sah Leupolt diesem grau durcheinanderdrängenden Gewimmel zu und konnte beim Schauen seine Gedanken wandern lassen. Sie gingen auch heute den gleichen Weg, wie seit der Schneezeit an jedem Wintermorgen. ‚Der Kirchgang ist lang vorbei. Jetzt muß sie schon wieder daheim sein.‘ Er hat sie noch nie im Haus und bei der Arbeit gesehen; und hätte sich das gerne ausgedacht; doch immer sieht er sie mit dem Federhütl und in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die Rosenkranzperlen hervorgucken. Ihre Augen sind gesenkt. Leupolt sieht in dem feinen Gesichtl nur den roten Mund, das zarte Näschen, die weißen Lider und die Sicheln der Wimpern. Und wenn sie die Augen hebt, so sieht er den Zorn in ihnen funkeln, die Verdammung des Unsichtbaren. Wie wunderlich das ist: so oft er sie in Wirklichkeit so gesehen hat, war's immer ein Schmerz für ihn, eine quälende Hoffnungslosigkeit. Und hier, im weißen Wald, bei diesem stillen Träumen wird alles für ihn zu einem frohen und zärtlichen Glück.

‚Ob sie nit spüren muß, wie oft ich denk an sie? Bei Tag und Nacht!‘ Mit dürstender Sehnsucht ist die Frage in seinem Herzen: ‚Denkt sie wohl auch an mich?‘ Ob sie nicht betet für ihn? Für seine Seele, die sie für eine verlorene hält? Gibt es Frömmigkeit, die nicht barmherzig wäre? Frömmigkeit, die nicht beten müßte für jeden, den sie für einen Irrenden hält? Und wenn sie hinaufruft zu einem ihrer vielen Heiligen? Flüstert sie da nicht manchmal ein leises »Bitt für ihn?« Wie eine Süßigkeit klingt es in seinem Ohr, in seiner Seele: »Bitt für ihn – bitt für ihn –« Dabei sieht er sie in der kalten Kirche knien, ein bißchen frierend, mit dem braunen Hütl über dem schönen Haar, in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die Fingerspitzen der gefalteten Hände hervorlugen.

Tausend Gedanken denkt die Menschenseele in jeder Stunde. Einer ist halbe Wahrheit. Die anderen sind Irrtum.

[Kapitel VII]

Pfarrer Ludwig mußte im Korridor vor dem Fürstenzimmer noch immer auf seine Vorlassung warten, weil der Haarkräusler beim Allergnädigsten war. Die hundert Locken einer fürstlichen Perücke verlangen ihre Zeit. In einer hohen Fensternische an den Kreuzstock gelehnt, zeigte der Hochwürdige ein ruhiges Gesicht. Je heißer in ihm die Sorge wühlte, um so gleichmütiger sah er über die Wände hin, an denen zwischen Hirschgeweihen, Heiligenbildern, großen Jagdgemälden und pröpstlichen Bildnissen zwei weltgeschichtliche Kriegstrophäen hingen: die Eisenhüte, Brustpanzer, Schwerter, Terzerole und Schärpen zweier schwedischer Kürassiere. Was da rostend und verstaubt an der Mauer hing, das war fast die einzige Welle gewesen, die der dreißigjährige Krieg aus dem verwüsteten Deutschen Reich hereingespült hatte in die Stille des Berchtesgadnischen Landes.

Blut, Hunger, Verarmung, Seuchen und Brandschatzung; die Hälfte der Deutschen erschlagen, versunken und verfault; Handel und Wohlstand vernichtet; alle Bande des Reiches gelockert und zerfetzt; eine Kluft des Mißtrauens und des Hasses zwischen Nord und Süd; ein für ewige Zeiten unlösbar erscheinender Zwiespalt zwischen deutschem Katholizismus und deutschem Lutheranertum; ein entzweigekeiltes, an Sitte und Leben verpestetes, in hilflose Fetzen zerfallenes Volk, das seine nationale Erneuerung wieder beginnen mußte, wie ein Kind nach dem Windelschmutze seine Menschwerdung anfängt in den ersten Schuhen – und als einziges Erinnerungszeichen dieses grauenvollen Geschehens hingen im Fürstenkorridor zu Berchtesgaden zwei schwedische Kürasse. Die hatte man in der Ramsau zwei verirrten und von den Bauern erschlagenen Botschaftsreitern vom blutenden Leib geschält.

Nur ein einzigesmal in jenen dreißig Jahren hatte Berchtesgaden für wenige Winterwochen eine Einquartierung erlebt. Während die deutsche Welt in Jammer und Elend sank, hätte das ‚Ländl‘ in seiner Abgeschlossenheit gedeihen können, wenn ihm, angesteckt durch Seuchenkeime der Zeit, die Zermürbung nicht im kleinen erwachsen wäre, wie draußen dem Volk der Deutschen im großen.