»Nit nötig!« erwiderte der andere. »Für die Schwester Martle ist alles umsonst.«
Erst in der Stube erkannte Christl in dem Mann einen alten graubärtigen Bauer von Unterstein. Im Leilach trugen sie die Martle zum Acker. Als sie zur Grube kamen, standen fünfe oder sechse neben dem Hügel. Alle halfen, um die Martle sanft hinunterzulegen. Noch andere kamen aus der Nacht herausgeschritten, Männer und Weibsleute. Christl hatte keine Tränen, kein Wort. Immer knirschten ihm die Zähne. Er haßte und verfluchte sie alle, die zum Grab seines Weibes kamen, und war doch einem jeden dankbar.
Als die Martle drunten lag, nahm Christl den Krug und wollte geweihtes Wasser auf den weißen Schimmer hinuntersprengen. Da faßte ein Weib erschrocken seinen Arm und flüsterte: »Nit, du! Das ist falschgläubig!« Schon wollte Christl im Zorn erwidern. Da schob der alte, bärtige Bauer das Weib beiseite und sagte leis: »Laß du den Christl tun, wie er meint, daß es gut ist! Magst du nit duldig sein, wie willst du hoffen, es sollen die anderen duldig werden gegen dich und uns?« Er faßte den Spaten und legte die ersten Schollen sacht in die Grube. Eines ums andere nahm die Schaufel. Der weiße Schimmer da drunten verschwand, die Erde wuchs aus der Tiefe herauf. Und während Christl auf den Knien lag, das Gesicht in die Hände vergraben, zuckend und schauernd, fing der alte Fürsager der Unsichtbaren von Unterstein mit leiser Stimme zu reden an.
Auf der nahen Straße kam ein Klirren und Klingeln aus der Nacht heraus, kam immer näher. Erschrocken fuhr Christl auf: »Die Herren!«
»Nit!« flüsterte ein Mädel. »Es ist der Bräuschlitten. Der geht zum Königssee.«
Man sah ihn gleiten, schwarz vor dem weißen Schnee, wie sonst beladen mit den zehn, zwölf kleinen Fässern. Nur ein Ding war anders als sonst: hinter den zwei dampfenden, klingeligen Pferden saß der Bräuknecht nicht allein auf dem Bockbrett. Neben ihm, dick eingewickelt in Mantel und Kapuze, kauerte eine kleine rundliche Frau. Die Mutter Agnes. Sie war der Meinung gewesen, daß sie ihrem Buben noch besser ins Herz zu reden verstünde, als es der süße Krapfen mit dem Zwibebenkränzl fertig brächte. So hatte sie ihrem verstörten Mann diese Nachtfahrt abgetrutzt. Und während sie vor sich hinsah in den Dampf, der von den klirrenden Pferden aufging, überlegte sie die Mahnworte, die sie ihrem Buben sagen wollte, um ihn wieder auf die rechte Glaubensstraße heraufzuziehen.
Bei den Untersteiner Häusern, zwischen denen es wunderlich lebendig war, kam der Schlitten in den Mondschein. Nach einer Weile hielt er am See. Zwei Lehrburschen des Bartholomäer Fischmeisters erwarteten ihn am Ufer. »Du,« sagte der eine zum anderen, »du bringst den Bierkasten allein übers Eis. Ich nimm die Mutter Agnes auf den Beinschlitten. Da geht's flinker. Aber Schneid mußt du haben, Weibl! Heut ist ein ungutes Fahren. Der Föhn hat die Frageln bös ausgebissen.«
»Das tut nichts!« sagte Mutter Agnes und trippelte über das Eis hinaus. »Wer redlich schnauft, steht allweil in Gottes Hut. Fahr los!« Der junge Knecht stellte sich hinter ihr auf das Brett und brachte den Beinschlitten in sausende Fahrt, weil es, je flinker, um so ungefährlicher war. Manchmal zischte der Schlitten durch breite Wasserflächen, von denen sprühende Tropfenfahnen in die Luft rauschten. Ein paarmal ging es über Frageln hinüber, die schon so sehr erweitert waren, daß der Beinschlitten einen bedrohlichen Hupf machte. Frau Agnes mußte sich tüchtig anklammern. Seufzend dachte sie: ‚Mein Leupi tät mich sänftlicher fahren!‘ Auch heut dröhnte das Eis, doch das Licht des Mondes war matt, und Dunst umschleierte die Bergwände. Ein paar hundert Schritte vom Ufer lag eine schwarze Wasserfläche. Der junge Fischer mahnte: »Obacht, Meisterin!« Die Warnung kam zu spät. Der Beinschlitten machte einen tischhohen Sprung, und als er niederklatschte, löste sich Frau Agnes vom Brett und kollerte durch das handtiefe Wasser. Das Erbarmen des jungen Knechtes bestand darin, daß er fürchterlich lachen mußte. »Aber, aber,« schmollte Mutter Agnes, während sie sich heraushob aus der dunklen Wassersuppe, »wozu so viel überflüssige Müh, ich bin doch schon getauft.« Es rieselte von ihr. Und so kalt war's, daß sie zu schnattern begann.
Jetzt verging dem Buben das Lachen. »Gelt, tust mir die Lustigkeit nit verübeln, Frau?«
»Gott bewahr! Lach, wie du magst! Das Lachen erlöst von der Zeit!«