Bald nach Anbruch des Nachtschweigens war zu Berchtesgaden am Hause des Chorkaplans Jesunder die Torglocke mit erschreckender Heftigkeit gezogen worden. Jesunders alte Mutter Apollonia streckte den Kopf mit der großen Nachthaube zum Fenster hinaus, gewahrte aber keinen Menschen und war gewohnheitsmäßig der Meinung, daß wieder einmal ein gottverlorener Heimtücker eine unverzeihliche Büberei gegen die Kirche verübt hätte. Alles, was Frau Apollonia zu Leide geschah, empfand sie als eine Verunglimpfung des Himmels.

Hatte sich auch die Kühle der Nacht an ihr versündigt? Frau Apollonia hielt es für notwendig, einen Beruhigungstrank aus Kamillenblüten zu bereiten. Als sie, innerlich aufgewärmt, wieder zur Ruhe gehen wollte, vernahm sie vor dem Haustor eine Männerstimme, die sehr sonderbare Worte schrie. Trotz aller Neugier wagte Frau Apollonia sich nicht mehr ans Fenster, bevor sie nicht drei Unterröcke, die wollene Jacke und einen armdicken Schlips in mehrfacher Windung am Leibe fühlte. Bis diese Wandlung vom Kühlen ins Warme vollzogen war, hatte die Zeterstimme vor dem Haustor sich ausgewachsen zu einem Gewirre aufgeregter Menschenlaute. Und noch immer kamen Musketiere, Stiftslakaien, Jägerknechte und Stallwärter von allen Seiten herbeigelaufen. In sorgenvoller Ahnung kreischte Frau Apollonia auf das Gewühl hinunter: »Was ist denn, was ist denn?« Eine verständliche Antwort bekam sie nicht. Sie hörte nur die vier dunklen Worte: Kind und Teufel, weiß und schwarz.

Das Amtsgeheimnis, das Herr von Grusdorf der Hasenknopfin auf die Hebmutterseele gebunden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zum Geschrei von hundert Menschen. Was auf Befehl der Obrigkeit ein Kind gewesen war, nicht schwarz, nicht weiß, ein Kind, wie eben Kinder sind, das waren nun doch zwei Kinderchen, weiß und schwarz, entseelt, von den Schultern bis zu den Hüften aneinandergewachsen. Es war ein unverzeihliches Verbrechen von seiten der Wahrheit, sich einem obrigkeitlichen Befehl zuwider so unvertuschelbar in die breiteste Öffentlichkeit zu begeben. Alles, was durch die Klugheit des Kanzlers hätte vermieden werden sollen: der Zusammenlauf kuriöser Leute und die Entstehung rebellischer Rumore – alles war vorhanden, dazu noch in kunstvoll gehobener Entwicklung. Herr von Grusdorf erlebte eine verzweiflungsvolle Mitternachtsstunde und verwünschte die staatsgefährliche Subjektin, die den Gram des Christl Haynacher nicht mit heimlicher Vorsicht in die Armeseelenkammer getragen, sondern rachsüchtig dem Chorkaplan Jesunder auf die Hausschwelle gelegt und mit fürchterlichem Gebimmel die Lärmglocke gezogen hatte. Das sollte die vulgo Hasenknopfin büßen! Zu diesem Zwecke arbeiteten Herr von Grusdorf und der kanzleideutsche Muckenfüßl mit solcher Beschleunigung, daß die Hasenknopfin, als sie gegen die dritte Morgenstunde ausgehoben werden sollte, schon seit vielen Stunden verschwunden war. Ganz verschwunden! Nicht nur mit ihrem Mädel und aller tragbaren Habe. Auch die Hausgeräte waren unsichtbar geworden, Kalb und Kühe davongetrieben, die Hennen in unauffindbare Nester gesetzt. Doch Muckenfüßl brachte von seinem zwecklosen Dunkelheitsmarsche wenigstens ein polizeilich verwertbares Gerstenkörnchen in die Kanzlei. Nach eindringlicher Bemühung der Soldaten Gottes hatte es eine Nachbarin der Hebmutter unter Nasenbluten ausgeschwatzt, daß der Hasenknopf vor 18 Tagen heimlich ins Preußische ausgewandert wäre, um sich vom Schicksal der Salzburger Exulanten zu überzeugen. »Ins Preußische!« Muckenfüßl hob den Zeigefinger der Polizei. »Jetzt weiß der ego ipsus, was das zwiefärbige miraculum als Gottesstraf in loco hujus bedeutet! Die preußischen coloribus sind schwarz und weiß. Ergo, wo die Hasenknopfischen sich betätigen, muß sich alles ins Preußische permutieren. Jaaa, der Himmel laßt mit dergleichen Materien keine Spassettibus nit machen.«

Dieser Beweisführung, obwohl sie einleuchtend war, wagte Herr von Grusdorf sich nicht völlig anzuschließen. Doch besaß er so viel politischen Verstand, um einzusehen, daß die Ausstreuung des Muckenfüßl'schen Gedankenganges sich eher nützlich als schädlich zu erweisen vermöchte. Solch ein Zusammenhang der göttlichen Strafe mit der Hasenknopfin mußte die Subjekte zur Einsicht und Reue mahnen und auf ihre Gemüter ähnlich wirken wie ein Kriegskomet mit schreckenerregendem Feuerschweif. So bekam der Feldwebel eine Belobung für seine Geistesschärfe und dazu den obrigkeitlichen Befehl, den Wechselwirkungen zwischen Himmel und Hebamme eine segensreiche Publizität zu prokurieren. Mit diesem staatsmännischen Weisheitsblitze waren die Amtshandlungen des Kanzlers in dieser ereignisvollen Hornungsnacht noch nicht erledigt. Die Forschungsreise des Hasenknopf ins Preußische gab ihm so viel zu denken, daß sein Gehirn ein bißchen kongestiv und die unteren Extremitäten desto blutleerer wurden. Um die Regierungsgeschäfte weiterführen zu können, mußte er ein Schaff mit heißem Wasser bringen lassen und die schmerzenden Zehen hineinstecken. Weil das Wasserschaff unter dem Schreibtisch stand und die grauen Dunstwolken zur Linken und Rechten des Regierungssitzes emporquollen, bot der rotbefrackte, um den reinen Glauben bemühte Kanzler mit dem perückenlosen Kahlkopf einen geradezu satanischen Anblick. Man wurde an die Walpurgisnacht erinnert, nur daß es an einem verführerischen Hexchen mangelte. Aurore de Neuenstein hatte wohl ebenfalls eine schlaflose Nacht, doch statt sich an den kummervollen Amtsgeschäften ihres Onkels zu beteiligen, zog sie es vor, sich gemeinsam mit dem Grafen Tige der Lektüre eines Pariser Schäferromans zu widmen und die Kapitelpausen durch zärtliches Spinettspiel auszufüllen.

Zwischen den quirlenden Dampfwolken reihte die Logik des Herrn von Grusdorf alle Indizien unerbittlich aneinander, um Klarheit über die fürchterliche Tatsache zu gewinnen, daß die evangelischen Schwärmer im Lande augenscheinlich zahlreicher waren, als die Regierung bei aller gewohnten Umsicht vermutet hatte. Auf eigene Rechnung war der vulgo Hasenknopf doch sicher nicht ins Preußische gewandert. Da hatten viele zusammengesteuert. Eine ganze Rotte! Herr von Grusdorf überschlug die Kosten der weiten Reise, nahm hypothetisch einen erst noch auszuforschenden Begleiter an und brachte eine Ziffer von Unsichtbaren heraus, die ihn mit Beklemmungen erfüllte. Es mußten an die zehn, zwölf Dutzende sein. Er fing zu schwitzen an. Nicht nur aus Ursach des heißen Wassers, noch mehr aus quälender Regierungsangst. Nur für das Nötigste diktierte er um die fünfte Morgenstunde eine ordre auf Haussuchung unter allen Dächern von Unterstein, eine ordre auf Verhaftung des Jägers Leupolt wegen Verrates polizeilicher Amtsgeheimnisse, eine ordre auf Dingfestmachung der beiden Hasenknopfischen Menscher und eine ordre an alle Grenzwachen: weder Mensch noch Vieh aus der Landmark hinauszulassen, insbesonders aber auf das Erscheinen des aus dem Preußischen heimkehrenden Hasenknopf samt hypothetischem Begleiter ein wachsames Auge zu dirigieren. Nach diesem reichlichen Papierverbrauche konnte Herr von Grusdorf die sonderbar gestalteten Zehen aus dem heißen Wasser ziehen und des Glaubens sein, daß er von allen Berchtesgadnischen Regierungssäulen in dieser Hornungsnacht die härteste Geistesarbeit geliefert hatte. Er irrte sich.

Eine noch viel grausamere Nacht erlebte Frau Apollonia in ihrer explosiven Fröstelsorge um den hochwürdigen Sohn, zu dem sie aufblickte wie zu einem Heiligen auf Erden. Zum Teil verdiente er das. Er hielt sich von französischen Anflügen ferne, war ein ruhelos im Dienste des Himmels wirkender Priester, ein Vierzigjähriger von tadelloser Sittenstrenge, hart gegen sich selbst wie gegen andere. Dazu in theologischen Dingen ein großer Gelehrter. Für seine Doktorschrift hatte er sich das Problem gestellt: »Wird eine Stück Erde mit einer Mauer umzogen und weiht man dieses Grundstück zu einem Gottesacker, wie weit dringt dann die Weihe durch Mörtel und Ziegelsteine in das Innere der Umfassungsmauer ein? Genau bis zur Mitte? Oder weiter nach außen?« Über diese schwierige Frage hatte er ein lateinisches Werk von 763 Folioseiten mit unzählbaren Zitaten verfaßt und klar bewiesen, daß diese Frage mit Sicherheit nicht zu entscheiden wäre – verläßlich ließe sich nur behaupten, daß die Innenseite des Gemäuers der Weihe teilhaftig würde, die Außenseite aber logischerweise nicht. Es gab nur wenige Menschen, die dieses bedeutende Werk studiert hatten. Aber man rühmte allgemein den Chorkaplan Jesunder als einen Theologen von fabelhafter Belesenheit. Noch herrlicher sah ihn die Mutter. Und nun widerfuhr ihm das! Undank der bösen, niederträchtigen Welt!

Nicht nur Frau Apollonia, jeder im Lande wußte das: war eine Jungfrau entehrt oder eine Frau genötigt worden und gebar sie ein totes Kind, so ließ sie dem Menschen, der schlecht an ihr gehandelt hatte, den kleinen, klagenden Leichnam zu öffentlicher Verfemung auf die Haustürschwelle legen. Und das geschah ihrem schuldlosen Sohn! Welch ein Geschrei würde das geben! Und gar noch – so was Sinnloses – wegen der Haynacherin, die er verabscheute als eine des Irrglaubens Verdächtige! Und die er am Weihnachtsabend mit pflichtschuldiger Strenge aus der Kirche gestoßen hatte, weil sie die unchristliche Hand nicht in den Weihbrunnkessel tauchte. Ach, was ist Gerechtigkeit auf Erden! Als Jesunder in der Nacht hatte sehen müssen, was man gottesfeindlich an seiner Haustürschwelle verübte, war er, die Zorntränen der beleidigten Schuldlosigkeit an den Wimpern, in seiner Stube so lange betend auf den Knien gelegen, bis man ihn hinüberholte zur nächtlichen Kapitelsitzung. Nun dämmerte der Morgen schon, und noch immer wollte der Sohn nicht heimkehren zu seiner verzweifelten Mutter, die in dieser mehrfach gestörten Sorgennacht den heißen Kamillenabsud reichlicher schlürfen mußte als eine genesende Wöchnerin.

Das große gotische Rosettenfenster des Kapitelsaales glänzte wie ein entzündetes Riesenauge in das kalte Morgengrau. Und die Nachtsorgen des gedünsteten Kanzlers, die Seelenqualen der Frau Apollonia? Was waren sie gegen den geistigen Kampf, der hier, unter niedergebrannten Kerzen, noch immer kein befriedigendes Ende finden wollte, nach einer siebenstündigen, zu heißer Erbitterung emporgewachsenen Sitzung! Wahrhaftig, Herr von Grusdorf hatte sich als verblüffender Prophet erwiesen, da er auf der Schwelle des Haynacherlehens erschrocken den Ausbruch »theologischer Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen« vermutet hatte. Man stand vor einem Rätsel, dessen Lösung eine völlig undenkbare Sache war. Zwei Kinder, das eine getauft, das andere ungetauft. Das erstere besaß ein geheiligtes Recht auf geweihten Boden, das andere, als unentsühnter Sprößling einer Irrgläubigen, war dem Freimannsanger verfallen, auf dem Gnadenwege einem Grübchen in ungeweihter Erde. Und das eine Kindchen angewachsen an das andere, die Hölle ineinandergemengt mit dem Himmel, das Heidnische und Christliche unlösbar verschwistert, oder, wie es Herr von Grusdorf äußerst charakteristisch bezeichnet hatte: verknorpelt. Schrecklich! Wo war da ein Ausweg? Nicht einmal das Exempel des gordischen Knotens vermochte die Schwierigkeit zu lösen. War ein Schnitt denkbar, der vom Ungetauften nichts hinüberschnipfelte zum Getauften, vom Getauften kein Fäserchen hängen ließ am Ungetauften? Und konnte man dem christlichen Feldscheer zumuten, das Heidnische zu operieren? Durfte man es dem Freimann gestatten, sich an christlicher Schuldlosigkeit zu vergreifen? Chorkaplan Jesunder meinte: vielleicht ginge es mit einem Chirurgen, der wohl halb ein Christ, aber auch halb ein Nichtchrist wäre?

Da redete Pfarrer Ludwig, der bislange schweigend auf seinem Kapitelstuhl ausgehalten hatte, das erste Wort und gleich ein sehr heftiges: »Denkt Ihr an den Simeon Lewitter? Wollt Ihr solches Metzgerwerk einem medico zumuten, in dessen Händen die Obhut für das Lebenswohl unseres Fürsten liegt?« Bevor eine andere Stimme sich äußern konnte, entschied Herr Anton Cajetan, der jetzt das schwarze Hofkleid eines gefürsteten Priesters trug: »C'est juste, révérend! Das geht nicht. Meinetwegen könnt ihr den Wildmeistersknecht mit der Sache betrauen. Er ist geschickt im Zerwirken. Mein Leibarzt hat außer Spiel zu bleiben.« Dennoch sah auch der Fürstpropst ein, daß es klärend zu wirken vermöchte, wenn der Arzt als Zeuge des Vorganges im Haynacherlehen vernommen würde, um seine fachmännische Ansicht über die anatomischen Schwierigkeiten darzulegen. Simeon Lewitter wurde aus dem Bett geholt. Er hatte nicht das steinerne Lächeln wie sonst. In kurzen Worten schilderte er, mit welcher Geduld und Tapferkeit die fromme Haynacherin das grauenvolle Leiden dieser vier Tage und Nächte überstanden hätte.

»Fromm?« wiederholte Jesunder. »Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß dieses Weib eine Irrgläubige ist?«