Wortlos betrachtete der Pfarrer eine Weile ihr heißes Gesicht. Dann sagte er leis: »Wie seltsam!« Wieder warf er einen raschen Blick durch das Fenster.
»Hochwürden? Was ist seltsam?«
»Daß die anderen, die man die Unsichtbaren schimpft, genau so predigen wie du. Die legen die Hand auf das heilige Buch und sagen: ‚Was Gott geredet hat, steht geschrieben, das muß man glauben, wie Gott es gesagt hat.‘ Ja, Kind! Und du bist doch nit irrgläubig?« Der Pfarrer schmunzelte. »Da mußt du mir jetzt erzählen, was im Paradies geschehen ist, beim Apfelbaum, bevor Frau Eva, die Mutter von uns allen, sich versündigt hat zum erstenmal.«
»Sie wär gehorsam geblieben, wenn nit vom Baum herunter der höllische Verführer zu ihr geredet hätt.«
»Wer?« fragte Pfarrer Ludwig.
»Der höllische Verführer.«
»Ooooh?« Der Pfarrer griff zu seinem Schreibtisch hinüber, nahm ein kleines dickes Buch, schlug es auf, spähte durch das Fenster, las mit lauter Stimme den lateinischen Text des Sündenfalles und schüttelte den Kopf. »Kind, auf mein Latein versteh ich mich. Da find ich kein Wörtl vom höllischen Verführer. Da steht: die Schlange.«
»Das ist er ja doch gewesen!«
»Wer?«
»Der höllische Feind!«