Sie hörte nicht seine Zärtlichkeit, nur seinen Vorwurf. »Ich tu, was ich gelernt hab von der heiligsten aller Mütter. Ist die nit auch als Mutter unter dem blutigen Holz gestanden? Soll ich daheimbleiben und Krapfen backen? Da tät mich die heiligste Mutter im Leben nimmer anschauen mit ihren gütigen Augen.« Nun sah sie das Blut über seine Hände rinnen und mußte aufschreien, zerrte das weiße Tuch von ihrem Hals, fuhr damit in den Brunnen und wollte die Hände ihres Buben kühlen. Ein Musketier schob seine Feuersteinflinte zwischen Frau Agnes und den Balken. »Das ist verboten, du!« Die Augen der Mälzmeisterin funkelten. Aber sie blieb verständig, zog nur ein bißchen mit der Hand aus, in der sie das triefende Tuch umklammert hielt. »Verboten oder nit, ich tu's! Und tätst du's wehren, so schlag ich dir das nasse Tüchl ums Maul, daß du von deinem Weib noch nie eine festere Schell gekriegt hast.«

Ein heißes Auflachen von tausend Menschen. Auch das hörte die Mutter Raurisser nicht. Während ihr die Tränen über das Kinn herunterkollerten, streckte sie sich am Holz der Unehr hinauf und hob die Arme. Der Musketier wollte sie fassen, doch einer von seinen buntgelitzten Kameraden packte ihn am Arm, wurde bleich und knirschte: »Die Frau tust du in Ruh lassen. Gelt!« Das hörte und sah von den Tausenden niemand, alle sahen nur die Mutter Agnes an, die mit dem nassen Tuch die blutenden Hände ihres Buben wusch. Und aus dem Menschengewühl flog über den Brunnen her eine grillende Mädchenstimme: »Recht so, Mutter!« Es war das Untersteiner Mädel mit den zerschlagenen Brüsten. »Recht so, Mutter! Und gelt, da tust du nit grüßen: Gelobt sei Herr Jesuchrist!« Die letzten Worte gingen unter in dem einmütigen Aufschrei der Tausende: »Recht so, Mutter! Recht so!« Der Zorn einer erbitterten Menschenseele hatte den Tausenden das Wort der Stunde gegeben. Dann ein verblüfftes Schweigen und Schauen.

Aus der Halle des Stiftstores klang eine heitere Hifthornweise heraus, fein harmonisch ineinander geblasen. Tausend Menschen drehten die Gesichter und streckten die Hälse. Aber was in diesen Augen blitzte, war nicht die Neugier, nicht die Lachlust derer, die der deutschferne Wortschatz des Pflegeramtes als Subjekte zu bezeichnen pflegte. Herr von Grusdorf hatte sich in seinen staatsmännischen Kalkulationen wieder einmal geirrt. Sehr verhängnisvoll. Der bunte, nach Pariser Grazie strebende Zug der Fuchsprellerpaare hätte in keinem Augenblick erscheinen können, so falsch gewählt, wie dieser.

Vorerst aber sahen die Hunderte, die vor den Stäben der Läufer auseinander wichen, dieses unnatürliche Schritthüpfen und gezierte Steifrockschwenken mit schweigendem Staunen an, den Zorn nur in den Augen.

Voraus die drei betreßten Jäger mit den in der Sonne blitzenden Hifthörnern, dann die Pagen, an deren gebänderten Stäben die Fuchsschwänze baumelten, dann die sechs Prellerpaare, als erstes Graf Tige mit der Allergnädigsten in grüner Seide und wehenden Pelzflocken, dann die fünf anderen Domizellaren mit den hübschen Beamtentöchtern, deren geschmacklos zusammengestoppelter Aufputz genau so Pariser Mode war, wie der gestutzte Hofgarten ein Park von Versailles. Die Festlaune der sechs Pärchen war überaus munter. Immer gab's da was zu kichern über galante Scherze, über unzulängliches und komisch wirkendes Französisch. Unter den schmelzenden Hifthornklängen, umtänzelt von den Pagen, die mit ihren Fuchsschwänzen die Demoisellen an den Hälsen und Nasen kitzelten, hüpften und menuettierten die Prellerpaare an den Bürgern und Bauern vorüber, in deren Gedräng es laut zu werden begann. Aurore de Neuenstein, die wohl lieblich zwitscherte, aber nicht ganz so pflaumenzart, nicht ganz so unschuldsvoll und kindlich aussah wie sonst, wurde plötzlich überraschend ernst, sah fast erschrocken in das lärmende Gewühl hinein, wollte sagen: »Qu'est-ce que c'est que le peuple« – vergaß wie vor dem Haynacherlehen ihrer modischen Bildung und stotterte: »Was hawe denn die dumme Leit?« Graf Tige schien das Bedrohliche der Situation zu empfinden, und befahl den Hornbläsern: »Vite! En avant!« Er zog das Händchen der Allergnädigsten, die er zierlich an erhobenen Fingerspitzen geleitet hatte, schutzfreudig unter seinen Arm und machte den anderen Pärchen jene flinke, sehr natürliche Gangart vor, die man vor Ausbruch eines Gewitterregens einzuschlagen pflegt. So gelang es ihm, den faschingsbunten Zug zur Hofwiese hinüberzubringen, bevor die erregten Subjekte ihren mißverständlichen Zorn in polizeilich unzulässigen Formen zu äußern begannen.

Es sah in dieser Stunde mit der Schaulust und Lachfreudigkeit der niederen Population sehr mager aus. Nur ein Häuflein Kinder zappelte dem hohen Netz entgegen, das den höfischen Festplatz umspannte, und außer einigen vorsichtigen Mannsleuten, denen es auf dem Brunnenplatze nimmer geheuer erschien, bestand das dankbare Publikum des beginnenden Fuchsmartyriums fast nur aus den Müttern, Schwestern und spöttischen Basen der fünf bürgerlichen Demoisellen, die man der hohen Ehre, an solchem Hofspektakel teilzunehmen, als würdig erfunden hatte. Unbekümmert um Gunst oder Mißgunst derer von da unten, fand die Prellgesellschaft innerhalb des Netzes rasch ihre vergnügte Laune wieder, und Aurore de Neuenstein zwitscherte mit entzückender Kindlichkeit die politische Meinung aus, man müsse da bald einmal »rechtschaffe dezimiere«, um wieder erquickliche Ruh ins Ländle zu bringen.

Vor der Mündung des langen, durch eng aneinander gesteckte Rutenbogen gebildeten ‚Fuchslaufes‘ stellten sich die Paare erwartungsvoll in bunte Reihe, Schulter neben Schulter. Jeder Demoiselle stand ihr Monsieur, jedem Monsieur seine Demoiselle gegenüber. Zwischen jedem Pärchen im vis-à-vis lag quer vor dem Fuchslauf die spannenbreite und drei Ellen lange Prellgurte auf dem Schnee, mit festen Holzgriffen für die Hände an den Enden. »Attention, mesdames et messieurs!« kommandierte der Wildmeister, der kein Französisch verstand und es aussprach, wie man Haselnüsse knackt. »Exit le premier renard!« Die Hifthörner bliesen eine Gavotte, die erste Kastenfalle wurde geöffnet, und gleich einer langgestreckten roten Flamme sauste der in der Falle mit einem Schwefelfaden gebrannte Fuchs durch den langen Laufgang der Rutenbogen. Im Gesichtchen der Allergnädigsten zeigte sich der Ausdruck einer fiebernden Spannung. Jetzt fuhr der Fuchs, dem die Sonne grün in den Augen funkelte, aus den Rutenbogen heraus. »Huppla!« schrie Aurore de Neuenstein mit einer von süßer Grausamkeit durchzitterten Freude ihrem Partner zu. Ein Zuck der in weißem Ziegenleder steckenden Händchen, die Prellgurte schnellte wie der Blitz in die Höhe, und der Fuchs, von dem heftigen Netzschlag an der Weiche gefaßt, flog ein Dutzend Ellen hoch in die blauen, hornungskühlen Sonnenlüfte hinauf. Heiter lachte Graf Tige: »Le voilà!« Alle die jungen, blitzenden Augen waren auf den fliegenden Fuchs gerichtet, der bei seiner Luftreise drollig zappelte, elegante Kapriolen machte und absonderliche Purzelbäume schlug. Vom Schusse seines Laufes im Fluge noch weitergetrieben, fiel er in das dritte Prellnetz. »Huppla!« Von kräftigeren Fäusten aufgeprellt, sauste er noch höher in die Luft, überschlug sich wie ein hurtiges Feuerrad mit wehendem Kometenschwänzl, fiel in das vierte Prellnetz, sauste wieder in die Höhe, und als er nach dem letzten Sonnenfluge außerhalb der glitzerbunten Reihe dieser lieblichen Jugend wie ein kleiner roter Sandsack schwer herunterplumpste in den weißen Schnee, hatte er, mit rotem Schaum vor den gefletschten Zähnen, seine irdische Ruh gefunden und war entseelt.

Die Hifthörner bliesen die melancholische Fuchstodweise. Ein Beifallklatschen – nur innerhalb des Netzes – ein seliges Durcheinanderzwitschern; der erlöste Fuchs, der blutbefeuernde Reiz der Stunde, der rotfleckige Schnee, die Sonne, der Himmel, das silberne Bild der Berge, alles war »Superbe!« war »Magnifique!« und »Très délicat!« Nur nach dem Brunnenplatz verirrte sich kein Blick der seligblitzenden Unschuldsaugen. »Attention, mesdames et messieurs! Exit le second renard!« Die Hörner gavottierten, die rote Flamme sauste durch die Rutenbogen – »Huppla!« – und während das zweite Opfer dieser graziösesten aller Menschenfreuden gegen die Sonne wirbelte, schien es plötzlich, als wäre da drüben auf dem Brunnenplatze aller Lärm versunken in ein lautloses Schweigen.

Nein! Da drüben war es nicht völlig still geworden. Es übertönten nur die Hörner das beklommene Gesumm. Alle, die in der Nähe des Brunnens waren, hatten gesehen, daß der Blutende, den die Kraft schon verlassen wollte, sich plötzlich in den Eisen reckte und mit Schreck und Freude über das Gewoge der Köpfe nach einer Gassenstelle spähte. Viele drehten die Gesichter nach dieser Richtung und suchten mit den Augen. Und viele sahen und hörten das: wie Leupolt Raurisser an allen schmerzenden Gliedern entkräftet in sich versank, in den schneidenden Klammern hing, sich lächelnd wieder aufreckte, kraftvoll am Balkan stand, verklärte, heißglänzende Augen bekam und zu Frau Agnes hinuntersagte: »Mutter, jetzt kommt das Härteste und Schönste!« Viele sahen, wie er gewaltsam seine aufrechte Kraft erzwingen wollte, wieder zu sinken begann und mit der Kehle an den Kanten des rotgewordenen Eisens hing. Und während Leupolts erloschene Stimme wieder zu beten anfing: »Herr, wenn ich Dich nur habe –«, kam ein Stoßen und Armwühlen von den Häusern durch die gestaute Menschenmenge herüber, viele Leute redeten aufgeregt durcheinander, und immer schrie eine bange, von Sorge umklammerte Mädchenstimme: »Meister, Meister –«

Den dreien, die da kamen, wurde Platz gemacht. Hundert Stimmen wirrten sich durcheinander, und dennoch hörte man das Betteln der Sus: »Ach Meister, ich tu Euch bitten, kommet mit heim! Habt Ihr nit Sorg um Euretwillen, so schauet doch Eurem Kind in die Augen!«