Elftes Kapitel

Ein Morgen, sonnig und mit wolkenlosem Himmel. Aber der Wind zog unruhig durch das Bergtal empor. Die höchsten Spitzen der Wände waren von milchigem Dunst umwoben, und der Sebensee leuchtete nicht wie sonst. Sein mattgekräuselter Spiegel hatte ein dunkles, schwermütiges Grün. Trotz aller Sonne redete etwas aus dem Bilde der Natur wie leise Angst.

Von der Unruhe des Windes merkte man nicht viel beim kleinen Seehaus, dessen Blumengarten im Schutze des nahen Waldes lag. Nur selten tönten in den Wipfeln des Harfenbaumes die Glocken.

Lolo kniete am Saum eines Beetes, um die verwelkten Almrauschdolden von den Stöcken abzulösen. Ihr Bruder, den die Joppe und das Lederhöschen besser kleidete als das schwarze Studentenröckl, saß im Schatten des Harfenbaumes am Tisch. Trotz der vierzehn »ganz freien« Tage hatte er seine Schulbücher mit zum Sebensee genommen, und da saß er jetzt über einer schriftlichen Aufgabe aus der römischen Geschichte. An der Feder war ihm die Tinte trocken geworden. Mit der Hand den Kopf stützend, blickte er sinnend zum dunstigen Blau des Himmels auf.

»Bubi?« fragte die Schwester. »Wo bist du mit deinen Gedanken?«

Aufatmend schob er die Feder hinters Ohr und nahm die Wangen zwischen die beiden Fäuste. »Weißt du, die Geschichte dieser Gracchen gibt mir furchtbar zu denken! Die haben es doch wirklich gut mit dem armen römischen Volk gemeint. Und doch haben sie Unrecht bekommen und sind zugrunde gegangen. Eine solche Ungerechtigkeit sollte der liebe Gott nicht zulassen. Freilich, die alten Römer haben noch an ihre heidnischen Götter geglaubt, die doch in Wirklichkeit gar nicht existierten. Wir Christen glauben doch jetzt an den rechten, wahren Gott. Aber es ist doch eigentlich heutzutage auch nicht viel anders als im Altertum.«

Die Schwester lächelte. »Hast du das in der Schule gelernt?«

»Gott bewahre! Von so was reden sie doch in der Klasse nicht. Aber man hört und sieht doch soviel Unglück und soviel Trauriges. Weißt du, da muß ich immer drüber nachdenken, und da fallen mir oft Dinge ein, die ich mir gar nicht erklären kann.«

»Sag mir so ein Ding!«

»Alles Gute und Schöne in der Welt? Das kommt doch von Gott, nicht wahr?«