»Das Böse? Ich kenne nichts Böses.«

»Aber! Lo!« Mit großen, erschrockenen Augen sah Gustl die Schwester an.

»Sag mir, Bubi, was nennst du denn eigentlich böse?«

Zu seiner Verwunderung wußte der kleine Bursch nicht gleich eine Antwort zu finden. »Ich — weißt du, ich meine, was den Menschen nicht gefällt — und was ihnen schadet, das alles ist doch böse.«

»Meinst du?« Lo erhob sich und schüttelte die welken Blüten von ihrem Schoß in ein Körbchen, das auf dem Kiesweg stand. »Also, die Henne ist gut, weil sie Eier legt, sagt der Bauer. Und der Fuchs, sagt er, ist böse, weil er die Henne frißt. Und gut ist das Pulver, und gut ist die Bleikugel, mit der man den bösen Fuchs erschießen kann. Aber ist denn der Fuchs nicht auch ein Geschöpf, das leben will? Wird der Fuchs nicht sagen: ›Ich bin gut, und bös und grausam ist der Jäger, der mich erschießt?‹ Wer hat nun recht von den beiden?«

Gustl begann diesen Widerspruch von der heiteren Seite zu nehmen und lachte.

»Nein, Bubi, da sollst du nicht lachen. Ich mein' es ernst. Wer von den beiden hat recht?«

»Freilich, wenn ich ein Fuchs wäre, würd ich auch sagen: ›Bös sind die Menschen, die mich erschießen.‹ Aber ich bin doch kein Fuchs. Ich bin ein Mensch.«

»Und deshalb willst du recht haben? Aber jetzt denk einmal: neulich bin ich unserem Nachbar begegnet. Der war vor Zorn ganz rot im Gesicht. Und weißt du, warum?«