»Schon sinket bei diesem Aufruhr der gesamten Natur die schwarzgeflügelte Nacht auf die Berge herab.« So führte Gustl mit klassischen Reminiszenzen und mit allen Stimmungseffekten seiner jungen Schilderungskunst die kühne Prosadichtung zu einem erbaulichen Schlusse. »Es heult der Sturm, alle Schleusen des Himmels sind geöffnet, unaufhörlich kracht der Donner, und flammend zuckt aus den finsteren Wolken der Wetterstrahl. Da, horch, eine Stimme! Sind Menschen in Not? Ja, so ist es! Zwei verirrte Wanderer sind zum Spielball des Sturmes und der Finsternis geworden. Ach, die armen, guten Menschen! Wie wird es ihnen ergehen? Aber schon ist die Hilfe näher, als sie denken. Ein Lichtlein blinket in der Nacht, und mit dankerfülltem Herzen betreten die mit dem Schrecken davongekommenen Verirrten das gastliche Haus, welches sie unerwartet in der Not gefunden haben. Der Herr des Hauses heißet die Gäste freundlich willkommen, und während auf dem Herde das wärmende Feuer flackert, bereitet die gute, emsige Schwester schon das Mahl. Trotz fühlbaren Mangels an Betten weilen sie in fröhlicher Eintracht beieinander, bis der Morgen nach allem Aufruhr der Natur wieder das herrlichste Wetter bringt. Da scheiden diese Menschen, die einander zum Teil ganz fremd gewesen, als treue Freunde für das Leben. Daraus möge sich jeder die Lehre ziehen, daß man eine Hilfe, wo man kann, auch immer leisten muß. Wer hartherzig ist, schadet nur sich selbst. Wie leicht kann es ihm geschehen, daß er selbst in Not kommt, und wie würde es ihm dann ergehen, wenn andere Menschen ebenso hartherzig wären wie er selbst! Ist es denn nicht die schönste Freude, einem Hilfsbedürftigen beizuspringen? ›Regia crede mihi‹, so sagt schon der lateinische Dichter, ›res est succurrere lapsis‹, wahrlich eine königliche Sache ist es, die Gestürzten wieder aufzurichten!«
Längst hatte Lo zu Ende gelesen, und noch immer blickte sie träumend auf die kleinen, mit steifer Sorgfalt gemalten Buchstaben. Da trat Mazegger in den Garten. »Guten Abend, Fräulein!« Die Erregung zerbrach ihm die Stimme. Er stellte Gewehr und Bergstock an die Hüttenwand, nahm den Hut ab und ging langsam auf den Tisch zu. Scheu, zwischen Hoffnung und Zweifel, hingen seine heißen Augen an dem Gesicht des Mädchens.
Betroffen hatte Lo das Heft geschlossen und erhob sich. »Mazegger? Was suchen Sie bei mir?«
»Ein gutes Wort. Und Hilfe.«
Sie schwieg.
Den Hut zwischen den Fäusten zerknüllend, stieß er mühsam hervor: »Sie sind die Heilige fürs ganze Dorf und Tal. Jeder kommt zu Ihnen und nie umsonst. Ihre Herzensgüt ist ein Brunnen für jeden armen und durstigen Menschen. Und ich? Bin ich nicht auch ein Mensch? Dazu noch einer von den ganz elenden! Mir ist zumut wie einem, der sich in einer schiechen Wand verstiegen hat. Jeder Weg hat ein End. Und tief geht's hinunter. Da steht er und schreit. Und wenn er schon merkt: jetzt muß ich fallen — da hofft er noch allweil auf die gute Hand, die ihm helfen könnt!« Er sprach nicht weiter.
»Kommen Sie, Mazegger«, sagte Lo mit tiefem Ernst. Sie rückte in die Bank und bot ihm den Platz an ihrer Seite an. »Sagen Sie, was Sie mir sagen müssen. Hier sind wir allein. Mein Bruder ist drunten am See, sonst ist niemand in der Nähe.«
Wie eine Flamme schlug es über das Gesicht des Jägers. Eine Hoffnung war erwacht in ihm, und er stammelte: »Fräulein? Sie sind mir also nicht mehr bös?«
»Böse? Weshalb?«
»Wegen neulich?«