Ein Lächeln irrte um ihren Mund; sie konnte nicht sprechen und nickte nur.
Mit fliegender Stimme las er weiter: »›Das ganze Unglück dieses Mannes war, daß er um zwanzig Jahre zu früh geboren wurde und mit den Anfängen seiner eigenartigen Kunst in eine Zeit der ausgetretenen Geleise kam. Die Zeit hat sich geändert, gründlich, und heute verlangt man von der Kunst vor allem Persönlichkeit. Da kommt gerade jener zur stärksten Geltung, der seine eigenen Wege geht und sich vom Gesicht der Durchschnittsmacher unterscheidet. Der Meistertitel wird vor Namen gesetzt, zu denen vor einem Jahrzehnt noch alle Welt den Kopf schüttelte. Einer von diesen spät Erkannten ist Hans Thoma, der auch die Spießrutengasse des Münchener Kunstvereins kennenlernte, und den sie heute mit Ehrfurcht den ›tiefen Träumer‹ nennen. Vor zwei Jahren, in einer kritischen Beleuchtung Thomas, erinnerte sich zum erstenmal ein Münchener Kritikus an einen ›Vorläufer des Meisters‹, an Emmerich Petri. Immer häufiger wurde in der letzten Zeit dieser Name genannt. Von Kunsthändlern wurde das eine und andere seiner Werke ausgegraben und wanderte von Stadt zu Stadt. Im vorigen Sommer erfuhr man, daß ein Frankfurter Kunstfreund, dessen Spezialität das Sammeln künstlerischer Originalitäten ist, im Besitze einer aus 27 Bildern bestehenden Kollektion des neuerkannten Meisters wäre, und im Herbst, Ende September, wurden diese Bilder zu einer ›Separatausstellung von Werken Emmerich Petris' nach Berlin gebracht, um die Kunstwelt in Aufruhr und Begeisterung zu versetzen.‹« Ettingen vermochte nicht weiterzulesen.
Regungslos, wie versteinert saß das Mädchen. Nur in ihren Augen war Leben, und tonlos flüsterte sie vor sich hin. »Im Herbst — Ende September —«
Um diese gleiche Zeit war jener Wolkenbruch in der Leutasch niedergegangen, zwei Tage und Nächte hatte Emmerich Petri gearbeitet, »wie ein Holzknecht«, und hatte die Rettung von ein paar armseligen Hütten mit seinem Leben bezahlt.
»Im Herbst! Ende September!«
Ettingen empfand die Tragik dieses Wortes, und die Kehle war ihm wie zugeschnürt, so daß er mit Gewalt seine Stimme zwingen mußte, um lesen zu können: »›Die Ausstellung war ein Erfolg, so einstimmig, wie er noch selten einem Künstler zuteil wurde. Dem Frankfurter Sammler, der die Bilder vor fünfzehn und zwanzig Jahren um eine Bagatelle erworben hatte, wurden hohe Summen geboten, aber der Mann war stolz auf seinen Besitz und verkaufte nicht ein einziges Bild. Alle Journale brachten ausführliche Besprechungen des Meisters, man bezeichnete ihn als eine an Gedankentiefe mit Böcklin verwandte Natur, als dessen milderen Bruder. Böcklin wäre die strenge Kraft, Petri die träumende Liebe. Und überall die Frage: Wo ist dieser Mann? Wer weiß von ihm? Wo lebt er?‹« Erschrocken legte Ettingen die Blätter nieder. »Fräulein!«
Blaß, an allen Gliedern zitternd, hatte Lo sich erhoben, als wäre es über ihre Kraft gegangen, dieses Wort zu hören. Ein Sturz von Tränen brach ihr aus den Augen, mit einem Schluchzen, das ihren Körper schüttelte wie Frost.
»Fräulein! Allmächtiger Gott! Ich bitte Sie, liebes Fräulein —« Ettingen legte den Arm um ihre Schultern wie ein Bruder, der die Schwester beruhigen will. Sie schien in diesem Sturm von Erregung nichts anderes zu denken als nur das eine: er fühlt mit mir — und da überließ sie sich willenlos seinem Arm, und weinend barg sie das Gesicht an seiner Brust. Aus dem anstoßenden Zimmer klang mit erschrockenem Ton die Stimme des Knaben: »Lo! Ach Gott, Lo! Was hast du? Warum weinst du denn?«
»Sorg dich nicht, Bubi!« rief Ettingen. »Was deine Schwester weinen macht, ist Freude!« Er streichelte mit scheuer Hand ihr schimmerndes Haar, richtete sie auf und sagte leis: »Ich verstehe Ihr schönes, kindliches Gefühl. Ihre Freude mischt sich mit dem schmerzvollen Gedanken, daß Ihr Vater sterben mußte, bevor ihm die Welt den verdienten Lorbeer reichte. Aber wie er starb! Das muß Ihrem Herzen sagen, daß er die Augen nicht geschlossen hat, ohne tief in seinem Innersten zu glauben: ich habe nicht umsonst gewirkt, ich kann nicht sterben, ich werde weiterleben! Sonst hätte er die Welt nicht so verlassen können, mit dieser Ruhe, mit diesem Lächeln, mit diesen letzten Worten: ›Meine Blumen!‹ Das galt nicht nur den Blumen da draußen am See. Dieses Wort hat allem gegolten, was aus der Tiefe seiner Seele heraufblühte und reines, köstliches Leben wurde. Das wird seinen Namen tragen, wird dauern als eine Freude für die Menschen! Ihr Vater ist nicht gestorben: er lebt!— Nein, Lo, Sie dürfen nicht weinen! Sie müssen sich aufrichten und stolz sein auf Ihren Vater, stolz auf den Namen, den er Ihnen gab und dessen Sie würdig sind. Dieser Name ist Adel, wie ich besseren nicht kenne!«
Aus Tränen blickte sie zu ihm auf. Wie schön sie war, bei diesem Lächeln, mit dem sie den Schmerz überwand und schon die Versöhnung fühlte, den Stolz und die Freude! Lange sah sie ihn schweigend an, bevor sie sprechen konnte. »Wie gut Sie mit mir sind! Und ich stehe so arm vor Ihnen, so schwach, in meinem Schmerz zuerst und jetzt in meiner Freude! Fast versteh ich das nicht. Diese Nachricht hätte mich ruhiger finden sollen. Was mein Vater war, hab ich immer schon gewußt. Das hat mir doch nicht die Welt erst sagen müssen. Und nun hat es mich doch so überwältigt — als wär ich eine andere geworden — als wäre etwas in mir, über das ich keinen Willen und keine Macht mehr habe —« Sie hielt seinen Blick nicht aus, und verwirrte Unruhe stammelte in ihren Worten: »Sehen Sie nur, ich weiß kaum, was ich rede, weiß nicht einmal, wie ich dafür danken soll, daß gerade Sie es waren, von dem ich diese Nachricht hören durfte. Und wenn ich Ihnen sagen könnte —« Ihre Stimme erlosch.