Ob das der richtige Weg nach der Tillfuß-Alpe wäre? fragten sie den Förster.

Nur immer gradaus, und sie könnten nicht fehlen.

Und ob in der Sennhütte für sechs Leute Platz zum Übernachten wäre?

»Natürlich! Auf'm Heuboden halt! Da liegen S' gut!«

Das wirkte auf die heitere Gesellschaft, als hätte man ihr eine köstliche Sache in Aussicht gestellt. Lachend und singend wanderten die jungen Leute davon und begrüßten das Ziel ihres Marsches mit Jauchzern und Jodelrufen, von denen mancher etwas zweifelhaft ausfiel. Das gab Anlaß zu neuer Heiterkeit. Schwatzend musterten sie die Wagen, guckten in den Stall und grüßten einen Kutscher: »Guten Abend, Herr Vetter!« Als sie an Mazeggers Hütte vorüberkamen, blickte eines der Mädchen neugierig durch das offene Fenster in die Stube. Kichernd fuhr die Kleine zurück, winkte ihrer Freundin und flüsterte: »Du, da mußt hineinschauen, da sitzt einer drin, der macht ein Gesicht wie der Hamlet nach dem Monolog: Sein oder Nichtsein!« Als die andere mit lachenden Augen in die Stube spähte, fuhr Mazegger auf: »Was wollen Sie? Machen Sie, daß Sie weiterkommen!« Die Folge war, daß von den jungen Touristen einer nach dem anderen ans Fenster trat und sich höflich verbeugte: »Habe die Ehre!« Und dann ging's mit Gelächter hinunter zur Sennhütte.

Mazegger hatte im ersten Zorn das Fenster zugeschlagen. Als die lustigen Stimmen verklangen, öffnete er die Scheiben wieder und kehrte zu seinem Lauerposten neben dem Herd zurück.

Rittlings saß er auf dem Holzstuhl. Seine Augen schienen nichts anderes zu sehen als Tür und Fenster des Fürstenhauses.

Da schoß ihm das Blut ins Gesicht, und hastig griff er nach dem Fernrohr.

In der Tür des Jagdhauses war Baronin Pranckha erschienen. Während sie über die Stufen herunterstieg in den Hof, stützte sie sich auf die Goldkrücke ihres Spitzenschirmes. Sie trug eine Sportmütze aus schottischer Seide und ein weißes Lodenkleid mit breitem Ledergürtel von schillerndem Kupferglanz. Faltenlos, wie angegossen, umschmiegte der linde Stoff den schönen Frauenkörper, der bei aller Grazie leicht zur Fülle neigte. Der langsame Gang war von weichlicher Geschmeidigkeit; bei jedem Schritt, bei jeder leisen Bewegung der Arme, bei jedem Wenden und Neigen des Kopfes schien der ganze Körper mitbewegt. Und wie dieses Haar in der Sonne schimmerte! Es war nicht blond, nicht rot, es hatte den dunklen Farbenglanz, den sterbende Blätter an einem schönen Herbsttag haben. In seiner kapriziösen Modefrisur, in dem lockeren Gewell, das sich über die Schläfe hinauslegte, umschloß dieses Haar gleich einer leuchtenden Goldhaube ein rundes Gesichtchen, wie von Watteau gemalt, weiß und rot, mit zarten Grübchen und bläulichen Schatten, mit den klar gezeichneten Sicheln der dunklen Brauen und mit heißen Lippen. Diese Farben wirkten wie Natur. Waren sie Kunst, dann verstand sich diese Frau wie eine Meisterin auf das corriger la beauté. Bei der rosigen Frische dieser Farben hatte das Gesichtchen etwas jugendlich Unreifes, fast Kindliches. Dem widersprachen aber die feinen, wie mit der Nadelspitze gezogenen Linien an den Mundwinkeln. Und die Augen! Ihre Farbe war ein erloschenes Blau. Doch in der matten Iris brannten die großen Pupillen schwarz und feurig wie die Beeren der Tollkirsche.

Und wie diese Augen in nervöser Ungeduld flackerten, während sie beim Hoftor stand, mit der Schirmspitze im Sand wühlte und immer hinunterspähte über den Weg! Dann plötzlich lachte sie, mit perlender Stimme, vergnügt wie ein Kind, das in gereizter Laune mit einem Spielzeug überrascht wird.