Förster Kluibenschädl, der in einem der Jägerhäuschen noch lesend bei einer trüb brennenden Petroleumlampe saß, tat beim Hall dieses Jauchzers einen tiefen Zug aus der Pfeife, ohne zu merken, daß sie schon erloschen war, und las mit erregter Spannung weiter. Sein rundes Gesicht glühte, obwohl die Sommernacht nicht allzu schwül und der eiserne Sparherd, auf dem er sich zum Nachtmahl den gewohnten Schmarren bereitet hatte, schon längst erkaltet war. Förster Kluibenschädl war ein Freund literarischer Genüsse, hatte eine unglückselige Leidenschaft für »schöne Bücheln«, dazu eine leicht zu rührende Seele, und obwohl er in der Praxis des Lebens dem schönen Geschlechte nicht sonderlich freund war, bevorzugte er in der Kunst gerade jene »Büchlein«, die von treuer Liebe handelten. Die aufregende Geschichte, die er just verschlang, heizte seinem in Spannung zitternden Herzen so schrecklich ein, daß ihm die innerliche Glut den Schweiß auf die Stirne trieb.

Die Erregung des Lesers war aber auch begründet. Man denke nur: in dem dreibändigen »frei nach dem Englischen bearbeiteten« Roman »Das Geheimnis von Woodcastle« hielt er soeben bei der wichtigen Szene, in welcher Lord Fitzgerald, der enterbte, von Unglück und Feinden verfolgte Held, die heimliche Botschaft seiner Geliebten empfängt und in mitternächtiger Stunde sich aufmacht zur heißersehnten Unterredung mit Lady Maud, der holdseligen, von Haß und Eifersucht bewachten Herrin von Woodcastle. Die Nacht ist rabenschwarz, eine Eule wimmert um die zerfallenen Zinnen, unheimlich murmelt der Fluß, und geheimnisvoll flüstern die alten Rüstern des Parkes. Wohl ahnt der Lord die Gefahr, die ihn umlauert; doch keine Macht der Welt kann ihn zurückhalten, in die Arme der Geliebten zu eilen, und so schreitet er furchtlos durch die finstere Nacht, nur begleitet von seinem treuen Neufundländer, der gleich dem Schatten eines Löwen an seiner Seite wandelt. Rosige Träume von Glück und Liebe erfüllen die große, stolze Seele »unseres Helden«, und so ganz versunken ist er in die Gedanken an seine holde Maud, daß er die zischelnde Stimme überhört, die sich plötzlich im schwarzen Schatten der alten Mauer hören läßt: »Das ist er!« Doch Lion, der treue zottige Freund, hat blitzschnell die Gefahr erkannt, die seinen Herrn bedroht; seine Haare sträuben sich, er stößt ein drohendes Knurren aus, aber im gleichen Augenblick —

»Mar' und Joseph!« stotterte Kluibenschädl, dessen Augen sich erweiterten. »Jetzt gschieht ihm ebbes!« Wütend schlug er die Faust auf den Tisch. »Aber gleich hab ich mir's denkt, und grad heut muß er sein Revolver daheimlassen! So a verliebts Rindviech, so an unvorsichtigs!« Schnaubend legte er sich mit beiden Ellbogen über den Tisch und beugte die glühende Nase auf das Heft.

— Im gleichen Augenblick stürzen vier vermummte Gestalten aus der Mauernische hervor. Wohl springt der treue Hund dem ersten der Banditen heulend an die Kehle, doch ein wohlgezielter Dolchstoß streckt das mächtige Tier zu Boden.

»Ah, da hört sich aber doch alles auf!« Dem Förster traten vor Erbarmen um das schöne Tier die Tränen in die Augen. »Jetzt bringen s' mir den Hund um, der mir der liebste von alle gwesen is!« Nur mit Mühe konnte er durch den Schleier seiner tropfenden Zähren weiterlesen.

Schon ist Lord Fitzgerald an Händen und Füßen gefesselt, ein Knebel erstickt seine Stimme, und während die Schurken ihn zu dem »in der Nähe bereitstehenden, dichtverschlossenen Wagen« schleppen, verblutet der arme Lion verlassen und hilflos im Staube. Noch einmal richtet er sich mit letzten Kräften auf, versucht der Spur seines geliebten Herrn zu folgen, doch die Füße tragen ihn nicht mehr; mit einem matten Winseln, welches »fast dem Todeslaut einer schmerzgebrochenen Menschenseele« gleicht, bricht er zu Boden und haucht auf den Fußtapfen seines Herrn die treue Seele aus.

Zwei große Tirolertränen fielen auf das schauerliche Geheimnis von Woodcastle nieder. Sie zerflossen auf dem schlechten Papier, und die Flecken wurden so schwarz, als hätte der Förster nicht klares Wasser, sondern Tinte geweint. In atemloser Beklemmung überflog er die nächsten Seiten, aber da half nichts mehr, der Hund war tot, kein Wunder geschah, um ihn wieder lebendig zu machen.

»Meiner Seel! Jetzt is er richtig hin!« Aus Kluibenschädls tiefer Ergriffenheit brach es mit heiligem Zorn heraus: »Die Raubersbuben, die gottverfluchten! Und dös will a Dichter sein? Der so a treus, unschuldigs Tierl z'grund gehn laßt? Ah na! Der kann mir gstohlen werden!« Er packte mit grober Faust das Heft. »So martern muß ich mich doch net lassen!« Wütend schleuderte er das Heft in die Tischschublade, in deren schwarzem Schatten das Geheimnis von Woodcastle zwischen aufgedröseltem Rollknaster und alten Patronenhülsen verschwand.

Seufzend erhob er sich vom Tisch und ging auf die große zweischläfrige Bettstatt zu, um seine Ruhe zu suchen. Er war nun auch soweit schon Herr seiner Sinne, um den fidelen Spektakel nicht mehr zu überhören, der von der Sennhütte heraufklang. »Is denn da noch allweil net Feierabend?« Er sah nach der Uhr. »Halb zwölfe! Da muß ich Polizeistund machen!«