»Nein, das kann man nicht so erraten!« unterbrach sie ihn plötzlich. Mit der einen Hand sich an die Hüttenwand stützend, stand sie in der leuchtenden Sonne und sah zu ihm hinüber mit einem Blick, dessen Glanz ihm verriet, daß seine Worte ihr Freude bereitet hatten. »Jemand muß Ihnen das erzählt haben! Draußen in der Leutasch? Oder einer von den Jägern? Die haben meinen Vater gekannt. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen das erzählt?«

»Niemand, Fräulein! Das hab ich mir so gedacht, vorhin, als ich da draußen stand und über den Zaun hereinschaute in dieses blühende Idyll. Und wirklich? Ich habe erraten, wie es war?«

»Ja! So war es!« Langsam kam sie einige Schritte näher. Ihre Augen glitten über die Wände der Hütte, über die Blumen hin und hinauf zu den Wipfeln des klingenden Baumes. »So war es! So hat mein Vater den Baum gefunden. So hat er die Hütte gebaut. Aber das mit den Glocken, nein, das haben Sie nicht erraten. Das war keine Spielerei, keine Künstlerlaune. Das war eine Freude, die seine Liebe sich ausdachte — für mich. Ich war damals noch ein Kind. Aber der Baum ist mir heute noch lieber als damals. Wenn er so klingt wie jetzt — das erzählt mir.«

Sie verstummte. Wie schön sie war! Und wieviel rührend Kindliches redete aus der still versunkenen Art, mit der sie regungslos zwischen den blühenden Blumen stand und verträumt hinaufblickte zu den leis klingenden Wipfeln.

Langsam strich sie mit der Hand über die Stirn. Dann nickte sie. »Aber alles andere? Ja! Wie gut Sie das erraten haben! Daß dieser Platz ihm lieb war wie kein anderer auf der Welt — weil es hier so schön ist, so weit von den Menschen. Und wie gerne er hier immer saß und träumte! Das Beste, was er schuf, hat er hier gefunden. Und er war ein Künstler. Wenn das auch nur wenige gewußt haben. Er war ein Künstler.«

Wie sie das sagte! Ein Frommer, in dessen Seele der Gottesglaube eingewachsen ist mit tausend Wurzeln, kann nicht anders sagen: »Ich glaube an Gott, und daß er gut ist und groß!«

Sie hatte sich gebückt und eine der süßduftenden Brunellen gebrochen, die sie wie küssend mit den Lippen streifte.

»Wie gut erst müßten Sie von ihm denken, wenn Sie sehen könnten, was er geschaffen hat. Ich glaube, Sie hätten ihn verstanden. Sein Bestes war seine Liebe zur Natur, und wie er sie kannte, wie er sie zu deuten wußte. Das hätten Sie ihm nachempfunden. Sie lieben die Natur und verstehen sie. Das hab ich Ihnen angesehen, schon neulich, als ich Sie da draußen traf, im Tillfußer Wald. Da hab ich mir gleich gedacht: Der weiß, was es da zu sehen und zu hören gibt. Sie werden sich meiner nicht mehr erinnern, ich bin nur so an Ihnen vorbeigeritten. Aber ich —« Sie lächelte und schob die Blume in ihr Haar. »Ich habe Sie gleich wiedererkannt, als ich Sie heute dort unten sitzen sah, am See — auch wieder an einem Platz, der nicht jedem gefällt, nur einem, der das Schauen liebhat und das stille Vorsichhindenken. Nicht wahr, es ist schön da drunten? Diese Farben im Wasser! Wenn es manchmal so glitzert auf dem Grund, man weiß nicht, war es ein Widerschein der Sonne oder ein weißes Steinchen, das sich bewegte, oder ein spielender Fisch — da denkt man so mancherlei, oft etwas Törichtes, ganz Unmögliches, aber es ist doch schön! Wer nur das Wirkliche gelten läßt, an der Sehnsucht nach dem Unmöglichen keine Freude findet und nie eine Minute übrig hat, um sie an einen schönen Traum zu verschwenden — wie arm ist ein solcher Mensch in seiner Seele!«

Ettingen nickte nur. Er schien sich anderes nicht zu wünschen, als sie immer anzusehen, wie sie so ruhig in der Sonne stand, und ihr immer zu lauschen, wie sie so still und lächelnd vor sich hinplauderte, als spräche sie gar nicht mit ihm, nur mit sich selbst.

»Mir geht es immer so!« plauderte sie weiter. »Wenn ich in einer nachdenklichen Stunde vergessen kann, daß meine Füße auf Stein und Rasen stehen, wenn ich meine Träume lebendig werden sehe, als hätten sie Fleisch und Blut, und wenn ich beinahe körperlich empfinde, daß meine Gedanken mich emporheben über die Erde, dann bin ich immer am glücklichsten und fühle am tiefsten, daß ich lebe.«