Sie hatten eine jener weit ausbiegenden Felskanten umgangen, die von der Höhe des Grates niederliefen über den ganzen Berg, als Friedl plötzlich innehielt und die Büchse von der Schulter riß. „Wer da? Reden, oder –“

„Oho!“ klang eine tiefe Baßstimme, und lachend, so daß man trotz der Entfernung die weißen Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart blinken sah, trat Hies, der zweite Jagdgehilf der Wartei, aus dem Dickicht heraus. „Ich glaub, du wärst imstand und tätst mich als Wildschütz niederpulvern?“ Während er seine Büchse, die er in der Hand getragen, über die Schulter hängte, stieg er den Hang herunter: eine hagere, knochige, nicht übergroße Gestalt in einem Gewand, dessen Farben durch Zeit, Wetter und Felsen in ein gleichmäßiges Grau zusammengestimmt waren. Der schwarze buschige Vollbart, der ihm bis über die Mitte der Brust herunterhing, ließ ihn älter aussehen, als er war; auf vierzig Jahre hätte man ihn schätzen können, und doch stand er fast im gleichen Alter mit Friedl.

Überall war Hies beliebt als lustiger Sänger und Zitherschläger, und gerne saß alt und jung an seiner Seite, wenn er vom Kriege gegen Frankreich erzählte, den er als junger Bursch mitgemacht hatte.

Nun trat er zu den beiden auf den Steig. „Grüß Gott, Herr Dokter! Und grüß dich, Friedl! Wann mir jetzt der Schrecken d’ Stimm verschlagen hätt, ich glaub, du hättst mir eins auffibrennt auf’n Pelz, daß ich an Purzlbaum hätt machen können wie a Schneehas. Aber hast schon recht, daß a bißl scharf aufmerkst. Heut hab ich den Neunnägl wieder gspürt.“

Friedl hob den Kopf.

„Ja! Drüben wieder, am alten Fleck! Es waren bloß drei oder vier Trittspuren, aber ganz gnau hab ich’s gmerkt, daß er’s gwesen sein muß und kein andrer. Weißt was! Es ist noch Zeit bis auf d’ Nacht, machst halt den kleinen Umweg über der Modei ihr Hütten und fragst so nebenbei, ob ’s Madl kein’ gsehen hat. Vielleicht kannst ebbes erfahren.“

Friedl rückte den Hut in den Nacken und fuhr sich mit der Hand über die Stirne. „No ja, muß ich halt auffi und nachschauen! Da bleibt nix anders übrig.“ Er wandte sich an Benno. „Herr Dokter, jetzt müssen S’ Ihnen den Umweg gfallen lassen.“

„Macht nichts!“ Benno lachte. „Bei der Modei haben wir ein gutes Einkehren. Pfüet dich, Hies! Mach nur, daß du flink hinunterkommst. Drunten haben sie frisch angezapft.“

„Dös is recht! Da leg ich mich eini mit alle zwei Knie!“

Benno und Friedl stiegen weiter bergan. Hies stand noch, und während er den Schuhriemen, der sich gelockert hatte, fester band, hörte er Benno fragen: „Du, Friedl, wer ist denn der Neunnägel?“