So zehrte sie von seinem freundlichen Entgegenkommen, auch wenn er ihr ferne war. Und wenn sie selbst nicht an ihn dachte, plauderte Lenzl von ihm, immer wieder, mit einer Wärme und Anhänglichkeit, die Modei oft lächeln machte.

Kam der Abend und jammerte Lenzl, daß Friedl heute „so endslang“ ausbliebe, dann stellte sich Modei wohl unter die Hüttentür und blickte wartend hinunter nach dem Steig.

Wieder einmal ging es auf den Abend zu. Modei hatte ihre Arbeit früher als gewöhnlich beendet, und eben trug sie, vom Brunnen kommend, eine Butte mit Trinkwasser zur Hüttentür, als drunten auf dem Almsteig langsame, schwere Tritte klangen. Sie hielt inne und horchte. Friedl war das nicht, sie kannte seinen Schritt.

Aus der Tiefe tauchte die Gestalt eines älteren Mannes herauf; sein Gewand zeigte eine seltsame Mischung städtischer und bäurischer Tracht: eine lange, blau und grün karierte Hose, die Lodenjoppe und die schweren Bergschuhe, auf dem Kopf eine alte Ulanenmütze mit großem Lederschild, hinter dem Rücken der Bergsack, in der rechten Hand ein Hakenstock von spanischem Rohr, und eine große blaue Brille auf der gebogenen Nase, die über struppigem Bartgewuschel glänzte wie ein nackter, im Abendschein erglühender Fels über dunklem Latschengestrüpp.

„Grüß dich Gott, Modei!“

„Jeh, der Doktermartl! Was suchst denn du heut noch bei mir daheroben?“

„Laß mich nur grad a bißl verschnaufen, nacher wird sich alles finden!“ Mit blauem Taschentuch den Schweiß von der Glatze trocknend, kam der Doktermartl auf die Hütte zu und trat hinter Modei in die Stube.

Doktermartl? Vor langen Jahren, als er zu Dillingen bei den Ulanen gedient hatte, war er Gehilfe des Regimentsveterinärs gewesen. In die Heimat zurückgekehrt, versuchte er das in solcher Stellung errungene Wissen an den Pferden und Hunden von Lenggries und an den Kühen der umliegenden Almen. Er „dokterte“. Und diesen, frei von ihm, ohne Wissen und Zustimmung der Behörde gewählten und ausgeübten Beruf vereinigte der Volksmund mit seinem Vornamen zu dem Ehrentitel: Doktermartl.

Auf allen Almen zwischen Lenggries und Hinterriß war er bekannt und wenn auch kein ungern gesehener, doch ein ungern gerufener Gast. Auch auf der Grottenalm hatte er in den letzten vierzehn Tagen des öfteren vorgesprochen, um nach Modeis kranker Kuh zu sehen. Deshalb konnte er heut nicht kommen; die Patientin war schon wieder gesund, und eben klang der Ton ihrer Halsglocke von der Höhe her, während Lenzl die kleine Herde der Milchkühe einsammelte in den Stall.

Martl erzählte der Sennerin, er käme von der Lärchkoglalm herüber, wo es mit ein paar Kühen wieder recht schlecht stünde, und da möchte er im Vorbeispringen nur ein paar Minuten in Modeis Hütte rasten.