Er fand sie nicht.

Gewaltsam mußte man ihm den Weg zur Haustür verlegen, aus der schon die Flammen lohten. Mit geballter Faust schlug er auf die Burschen ein, die ihm den Zugang verwehrten, dann wankte er nach der Giebelseite des Hauses, trat wie ein Irrsinniger auf den Pfarrer zu und schrie ihm ins Gesicht: „Anglogen hast mich, Pfarrer! Sag mir’s, du! Was für a Herrgott is denn der deinig? Einer, der d’ Leut verbrennt? Mein Vater und d’ Mutter –“ Seine Worte verloren sich in ein schweres Stöhnen.

Da drängte sich durch den Kreis der Leute eine alte Bäuerin und faßte den Schluchzenden am Arm. „Komm, Lenzl! Dein Schwesterl kunnt verkranken in der Kält.“

Lenzl starrte in das vom Feuerschein gerötete Gesicht der Alten. „Grüß dich, Godl! Bist auch da? Weißt es schon?“ Tränen erstickten seine Stimme. „Der Vater und d’ Mutter –“

Es waren nicht übermäßig kluge Worte, die das alte Weibl in Lenzls Ohr flüsterte, aber es waren Worte, die aus einem fühlenden Herzen kamen. Lenzl hörte nur den warmen Klang dieser Worte, nicht ihren Sinn. Seine Kraft war zerbrochen. Willenlos folgte er der Alten, die ihn mit sich fortzog, hinaus aus dem Hofraum, ein Stück entlang die Straße und durch die niedere Tür ihres kleinen Hauses. Als sie mit ihm in die enge, vom Abend her noch wohldurchwärmte Stube trat, die von dem durchs Fenster hereinfallenden Feuerschein und von einer kleinen, auf dem Tische stehenden Öllampe rötlich erleuchtet war, stieg ein achtjähriger Knabe von der Fensterbank. „Grüß Gott, Ahnl“, sagte er schüchtern, „wo is denn der Vater und d’ Mutter?“

„Draußen sind s’ und helfen löschen. Geh zu, Friederl, hol a paar Kissen aussi aus der Kammer, und warme Decken! Geh, tummel dich!“ Der Bub warf einen scheuen Blick auf Lenzl und auf das klagende Kind, dann sprang er davon und verschwand in der Kammertür.

Nun nahm die Alte das Kind aus den Armen des Burschen, der wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, und zog ihn zum Tisch. „Geh, setz dich a bißl nieder!“ Sie drückte ihn auf die in das Mauerwerk eingelassene Bank; willenlos ließ Lenzl alles mit sich geschehen; dann kreuzte er die Arme über dem Tisch, und stöhnend vergrub er das Gesicht. Mit zitternder Hand fuhr ihm die Alte ein paarmal über das kurze, struppige Haar.

Da kam der kleine Bub. Er trug zwei große weiße Bettkissen und schleifte eine wollene Decke hinter sich her. Mit der freien Hand ergriff die Alte die beiden Kissen und legte sie, jedes ein wenig aufschüttelnd, über die niedere Lehne des neben dem Ofen stehenden Ledersofas. Dann wickelte sie das Kind aus der Joppe heraus, legte es in die Kissen, zog ihm das Hemdchen glatt, breitete ihm über die nackten Füße die Joppe und darüber die doppeltgefaltete Decke. Als sie das Kind noch auf dem Arm getragen, war es schon eingeschlafen, und regungslos lag nun das Köpfchen mit den heißroten Wangen in den Kissen; die halb geöffneten Lippen zitterten unter stockenden Atemzügen, und von Zeit zu Zeit flog ein Zucken über die geschlossenen Lider.

Während die Alte sich in Sorge über das Kind beugte, fühlte sie ein leises Zupfen am Rock. Als sie aufsah, hingen die großen Augen des Buben angstvoll an ihrem Gesicht. „Ahnl, was is denn?“ fragte er scheu die Großmutter. „Is denn ’s kleine Maderl krank?“

„Gott soll’s verhüten!“ lautete die flüsternde Antwort. „Geh, Friederl, bet a Vaterunser! Dem armen Kindl is der Vater und d’ Mutter verbrennt.“