Hier in Fall, ganz zuvorderst an der Straße, die von Lenggries einherzieht, steht ein kleines, freundliches Bauernhaus. Der ebenerdige Stock, der einen nicht übermäßig geräumigen Stall und eine Futterkammer umfaßt, ist aus Felsstücken aufgeführt und lehnt sich mit seiner Rückwand gegen einen Hügel, in dem Winkel, den die Straße mit dem Strom bildet, wo sie vom Ufer sich abzweigt gegen das Wirtshaus. Über dem Unterstock erhebt sich der aus Balken gefügte Oberstock, der die Wohnräume umfaßt: neben Flur und Küche eine Wohnstube und zwei Kammern. Darüber spannt sich, weit vorspringend über den Giebel, das mit schweren Steinen belegte Schindeldach. In seinem Schatten hängen drei Scheiben an der Giebelwand. Der kleine weiße Holzzapfen, den jede in ihrem durchschossenen Zentrum trägt, verkündet, wie gut der Herr dieses Hauses die Büchse zu handhaben weiß. Unter diesen Scheiben und zwischen den beiden Fenstern des Giebels führt in das Innere des Hauses eine niedere Tür, zu der sich vom Hügel her eine kleine Holzbrücke spannt.
Es ist ein heißer Augusttag. Die Sonne brennt vom Himmel herab und zeichnet mit dunklen Schatten die Umrisse des vorspringenden Daches auf die Holzwand des Hauses.
Auf der Brücke vor der Tür steht ein schlankgewachsener Bursch in der Tracht der Jagdgehilfen: schwergenagelte Schuhe an den nackten Füßen, dickwollene weiße Wadenstrümpfe, die kurze gemslederne Hose, ein blaugestreiftes Leinenhemd, an der Brust offen und nur zusammengehalten von einem leichtgeschwungenen schwarzen Halstuch, die graue Joppe mit dem grünen Aufschlag, der als Dienstzeichen das goldgestickte Eichenlaub trägt, der Bergsack auf dem Rücken, und auf dem Kopf der kleine, runde Filzhut mit dem nickenden Gemsbart. Das Gewand des Burschen ist abgetragen und verwittert; die Büchse, die er hinter dem Rücken trägt, ist neu und blank, und die Stahlläufe blitzen in der Sonne.
Die nachlässige, vornübergebeugte Haltung des Oberkörpers läßt kaum vermuten, welch kraftvolle und sehnige Gestalt in diesem verblichenen Gewande steckt. Das Gesicht ist sonnverbrannt, ist dunkler als der leichtgekrauste, rötlichblonde Bart, der es umrahmt. Es redet eine stille, gewinnende Sprache; die klaren, lichtblauen Augen sind es, die dem Gesicht diesen freundlichen Ausdruck verleihen.
In der einen Faust hält der Jäger den langen Bergstock, während er mit der anderen die Hand einer alten Frau umspannt, die unter der Türe steht. „Pfüet dich Gott, Mutter! In vierzehn Täg bin ich wieder daheim vom Berg. Und sorg dich net!“
„Pfüe Gott halt, Friedl! Und gib mir a bißl acht beim Steigen!“
„Ja, ja!“
„Und was ich noch sagen will –“ Die Mutter zog ihn näher an sich. „Wann droben in d’ Näh von der Modei ihrer Hütten kommst, geh lieber dran vorbei!“
„Mutter, da bin ich, wie d’ Mucken sind! Allweil zieht’s mich wieder eini ins Licht, und ich weiß doch, wie’s brennt!“ Friedls Stimme klang gedrückt, und ein Schatten von Schwermut huschte über seine Augen.
Die Mutter legte ihm die Hände auf die Schultern. „Geh! So a Mannsbild wie du! Und so an unsinnige Narretei! Schau, ich setz den Fall, ’s Madl kunnt dich gern haben, so wär’s doch allweil nix mit enk zwei. Du weißt schon, wegen was! – Jetzt geh! Sonst kunnt der Herr Förstner schelten, weil dich so lang verhaltst. Pfüet dich Gott, mein Bub!“ Dabei schob sie ihn über die Brücke und durch die niedere Zauntür, die sie hinter ihm ins Schloß drückte.