„Nein, nein, ich hör ihn!“ flüsterte Desertus.
„Du, nicht wahr, du hörst den Donner der Lawine, wenn du über die Berge steigst im Frühling, du weißt, weshalb sie fallen muß. Und stumm bewundernd stehst du vor dem herrlichen Schauspiel der Gottnatur, erhoben in deinem Herzen. Hört ihren Donner aber auch die Fliege, die in einer Rinse der Felswand klebt? Nein. Ihre Sinne sind zu kurz. Sie klebt. Und wird verschüttet und erstickt. Soll sie auch fragen: warum? Soll ewiger Schnee die Halden drücken und keine Blume keimen lassen, nur damit die Fliege nicht gekränkt wird? Nicht wahr, das geht nicht an. Du liebst die Blumen, du sagst mit deinem Verstande: der Schnee muß fallen. Die Fliege will es nicht begreifen. Von der Fliege zu dir ist ein weiter, weiter Weg, doch nimm ihn millionenfach, und du füllst die Strecke nicht aus von dir zu Ihm! In schwindelnder Höhe geht Er seinen Weg, ein Schritt, und Er ist über alle Berge, ein Schritt, und Meere liegen hinter Ihm und jeder Schritt bringt Werden und Vergehen. Er kennt den Urgrund aller Dinge, Er sieht das Ziel vor Augen, Er denkt der Blumen seiner Ewigkeit. Doch wir, tief unter Ihm, wir, Dietwald, sind die Fliegen unter der Lawine.“
Desertus schlang die Arme um Herrn Heinrichs Hals und drückte das Gesicht an seine Brust.
„Ja, ruh dich aus! Du bist müde vom Leben. Und wenn dir die Kräfte wiederkommen, dann beginne neu den Weg und blicke auf zu Ihm! Du siehst von seinem Antlitz einen Zug auf jeden Fels geschrieben, ein Abglanz seiner Augen leuchtet dich an aus jeder schimmernden Welle im See, und einen Hauch seines Atems hörst du im Rauschen des Waldes. Und da du, ein Mensch, Ihn nun einmal nicht fassen kannst in seiner Größe, so halt Ihn fest in seiner Liebe. Ich meine doch, du hättest sie empfunden. Und was du besessen? Hast du es denn wirklich verloren? Nur weil du es nimmer halten kannst mit Händen? Blicke doch in die Tiefe deines Herzens! Liegt dort nicht alles, was an Glück dein eigen war, rein und heilig behütet, ein köstlicher Reichtum an dauerndem Erinnern? Dietwald! Dietwald! Du willst klagen? Weißt du denn auch, um wie viel reicher du bist als ich?“
Desertus hob mit fragendem Blick die Augen.
„Alle holde Freude des Lebens hast du genossen, bis dein Glück sich wandelte in einen Schmerz, wie ein schöner Frühlingstag in eine Nacht mit kaltem Reif. Mein Leben aber war ein Leidensgang, Schritt für Schritt. Eine reine Freude hat mir nie geblüht, und jede Frucht, nach der ich griff, trug den Wurm oder die Fäulnis in ihrem Kerne. Ich habe mehr gelitten, als du, da ich nur Schmerzen gewann, ohne Freude zu verlieren. Ich hatte einen Bruder, der mich haßte, weil ich der ältere war; hatte eine Mutter, die nur ihren Tand und ihre Falken liebte; hatte einen Vater, der mich verstieß, weil ich nicht schmeicheln konnte; das Weib, das mich ohne Liebe nahm, brach mir die Treue; mein Freund, der einzige, an den ich glaubte, war ihr Verführer; ich diente redlich meinem Fürsten, wurde des Verrats beschuldigt und in Ketten geworfen. Aus dem Kerker floh ich ins Kloster. Ich haßte die Menschen und konnte Gott nur fürchten. Nicht mit Inbrunst, in Zittern hab ich gebetet und suchte den Grimm meines Herzens zu ertöten in schwerer Pönitenz. Doch Haß und Furcht hingen fest an mir. Wenn ich aus dem Kloster niederstieg ins Tal, sah ich die Not nur und der Menschen Pein. Wenn ich emporstieg auf die Berge, sah ich nur die Schrecken der Natur, Verwüstung und Zerstörung, den Gott in seinem Grimme. Mit schaudernder Seele floh ich wieder heim in meine Zelle, sang und betete und schwang die Geißel.“
„Und wie kam Euch die Erlösung?“
„Es war an einem Tage spät im Herbst. Ich lag auf meinem Bett, entkräftet, blutend aus den Wunden, welche die Geißel gerissen hatte, die brennenden Augen auf die kahle Wand geheftet. Die häßlichen Bilder meines kalten, nutzlosen Lebens zogen vor meinem taumelnden Geiste vorüber, und jeder Gedanke war ein Schrei zu Gott: Töte mich, töte mich, weshalb noch soll ich leben! Da vernahm ich in meiner Zelle ein leises Tippen, wie vom Fall eines Wassertropfens. Hinter dem Rahmen eines Heiligenbildes war ein Schmetterling herausgefallen. Er hielt die Flügel geschlossen und rührte sich nicht. Ich griff nach ihm, und er ließ sich fassen. Seine Füße waren starr, die Schwingen gelähmt. Er war erfroren in der herbstlichen Kälte meiner Zelle. ‚Dein Schicksal ist das meine!‘ sagte ich und ließ ihn zu Boden fallen. Da stieg die Sonne über die Berge, und durch das offene Fenster meiner Zelle fiel ein warmer Strahl gerade auf die Stelle hin, auf welcher der Falter lag. Es währte nicht lang, da begann er, auf der Seite liegend, die Füße zu rühren. So zappelte er eine Weile, aber es gelang ihm nicht, sich aufzurichten. Ich hielt ihm den Griff meiner Geißel hin, er klammerte sich an das Holz und stellte die Schwingen auf. Lange saß er ruhig. Dann plötzlich legte er die Flügel auseinander, schloß sie wieder, kroch vom Holz der Geißel auf die Erde, und weiter und weiter, immer der Sonne nach, und an der Mauer empor, auf das Gesims des Fensters. Hier saß er noch, als müßte er rasten. Immer spielte er mit den Schwingen. Und dann mit einmal begann er zu flattern. Erst schwer und mühsam. Immer leichter wurde sein Flug, und so schwebte er hinaus zum Fenster und gaukelte in den blauen Himmel.“
Herr Heinrich schwieg und blickte lächelnd empor in das endlose Blau.
„Da kam es über mich, ich wußte nicht wie. Mir war, als hätte Gottes Stimme mir geboten: Steh auf und lebe! Ich erhob mich, wusch meine Wunden und kühlte sie mit Balsam. Wie ein Träumender trat ich aus dem Kloster und wanderte hinaus in das herrliche Tal. Die Sonne spann in den Lüften, silberne Fäden flogen, und in den bunten Farben des Herbstes leuchtete der Laubwald. Die Kinder liefen auf mich zu und küßten meine Hände. Traulich blickten ihre lieben Augen zu mir auf. Alle Felder waren belebt, überall hörte ich Lachen und Gesang. Die Leute eggten und streuten die Wintersaat, ohne doch zu wissen, ob sie essen würden von diesem Brot. Und als ich heimkehrte in das Kloster, trat ich vor Herrn Konrad von Altentann, meinen Propst, und sagte: ‚Gebt mir Arbeit!‘ Ach, die Tage, die nun kamen! Ich zog wie ein Roß, das des langen Stehens im Stalle müd geworden. Überall griff ich zu. Ich ordnete und mehrte das Gut meines Klosters, hob den Salzbau, war Fischmeister, Kellermeister, Wildmeister. Wo immer nur ein anderer müde wurde, trat ich an seine Stelle. Und alles wandelte sich mir zur Freude. Ich milderte die Strenge meiner Oberen, versöhnte die grollenden Landsassen, half, wo zu helfen war. Und je mehr ich den Menschen helfen durfte, desto mehr begann ich sie zu lieben. Ihr Dank, Dietwald, hat mich das Lächeln gelehrt. Und keinen schloß ich aus. Meinen Bruder stützte ich in schwerer Not, die Kinder jenes Weibes hob ich aus Elend empor zu freundlichem Leben, und meinem Fürsten, welcher Kaiser geworden, diene ich mit der ganzen Treue meines Herzens. Sage, Dietwald, war es nicht eine Gotteslehre, die mir der Falter gab, da er emporflog in das Blau? ‚Willst du den Himmel finden, dann geh in die Sonne!‘ Das tu ich, Dietwald. Ich suche am Leben die Sonne, und in den unvermeidlichen Schatten trag ich die Helle, so gut ich es vermag. Da fließt mir jeder Tag wie ein schönes Gottesgeschenk. Ich freue mich jeder Blume, die auf meinem endenden Wege blüht. Und schickt mir Gott mit aller Freude zuweilen auch einen Schmerz, dann trag ich ihn und such ihn zu verwinden. Aber ich frage nicht: warum ich leide.“ Er legte die Hand auf des Paters Schulter und fügte lächelnd bei: „Daß ich leide, genügt mir! Homo sum, Dietwald, homo sum!“