Desertus fiel auf die Bank und drückte die Stirne an Herrn Heinrichs Schulter.
Eine Weile schwieg der Propst; dann sagte er: „Höre mich ruhig an! Und wenn dein Herz nicht verstummen will, so halte die Lippen fest! Ich gebe zu: diese seltsame Ähnlichkeit und auch schon das halbe Geständnis, das der nahende Tod diesem armen Menschen entpreßte, das sind verführerische Zeugen. Aber wie zweifelhaft sie auch wieder sind, das magst du daraus entnehmen, daß du selbst ohne mein unvorsichtiges Wort mit keinem Gedanken auf solchen Zusammenhang geraten hättest. Siehst du? Nun läßt du den Kopf wieder hängen! Noch darfst du keine Gewißheit hegen. Kaum eine zitternde Hoffnung! Die laß ich dir. Denn ich kann sie dir nicht mehr nehmen. Aber sie zittert, Dietwald! Wenn dieses Mädchen schon nicht die Schwester des Sudmanns ist, muß es deshalb die Tochter jenes Grafen Dietwald von Falkenberg sein, der, wenn ich mich recht entsinne, gestorben ist für die Welt? Kann das Mädchen nicht auch eines andern Vaters — Sprich nicht, Dietwald, denn ich muß dir weh tun, wenn die mögliche Enttäuschung dich nicht mit doppeltem Schmerz beladen soll. Muß deine Burg die Heimat dieses Kindes gewesen sein? In dieser mörderischen Zeit, in der man Burgen wirft wie Maulwurfshügel und Schlösser niederbrennt wie Flachs in den Kunkelstuben? Ist es in solcher Zeit ein so seltener Fall, daß sich ein Herrenkind in die Bauernhütte verirrt? Doch wer auch der Vater dieses Kindes sein mag — eines wissen wir gewiß: es ist ein Herrenkind, und ich will es seinem Stande zurückgeben, will ihm zu seinem Recht verhelfen. Auch hier, Dietwald, kann ich nicht wissen, nur hoffen, daß dieses Kindes Recht auch sein Glück sein wird. Schon morgen send ich das Mädchen in das Heim der Domfrauen nach Salzburg.“
„Fort von hier?“ stammelte Desertus.
„Ja, Dietwald! Fort vor allem! Aus einem zwingenden Grunde.“
„Herr?“
„Das Mädchen liebt den Jäger.“
Desertus erschrak. „Ein Kind?“
„Ein Kind, das ein Augenblick herzbrechender Angst zum Weibe machte. Noch weiß sie selbst nicht, daß sie aus Liebe tat, was sie getan. Ich hoffe von ihrer Jugend, daß dieses Gefühl noch nicht so fest verwurzelt ist, um sich nicht wieder zu lösen in langer Entfernung, unter neuen, überraschenden Eindrücken. Um meinen guten, treuen Haymo ist mir leid. Er wird das Mädchen nie vergessen. Er hat um ihretwillen getan, was er nicht getan hätte um sein Leben; er hat seiner Pflicht zuwider den Raubschützen verleugnet. Er wird schwer gestraft, der arme Bursch.“
„Daß doch keine Freude blühen kann, ohne Schmerzen zu reifen!“
„Wir wollen sehen. Ich tue, was ich muß. Alles andere liegt nicht in meiner Hand.“