Zenza schob die Münzen in die Tasche, den Stutzen Rotwein leerte sie auf einen Zug, Brot und Selchfleisch nahm sie in die Hand und begann zu essen, während sie weiterwanderte.
Abermals zwei Stunden, und der Untersberg lag hinter ihr. Weit und eben, noch von den zarten Nebeln des Morgens überflossen, dehnte sich das Grödiger Moos. Bald verwehte ein frischer Wind den grauen Duft, der über die Landschaft gebreitet lag, und im Glanz der Morgensonne, stolz und schön, winkte ihr die leuchtende Stadt entgegen. Auf den ragenden Zinnen der Hohensalzburg, auf dem steilen Dach des Domes zu St. Peter, auf dem schlanken, zierlichen Turm der Franziskanerkirche, auf jedem Herrenhaus, überall wehten die weißen und roten Fahnen des Festes.
Als Zenza das Nonntaler Tor erreichte, begannen schon alle Glocken zu läuten. Der junge Torwärtel hielt ihr die Hellebarde vor und wollte die Maut von ihren Lippen erheben; statt eines Kusses zahlte sie mit einem Nasenstüber, schlug den Spieß beiseite und rannte durch die enge Gasse, im Strom der Leute verschwindend, die zum Domplatz eilten. Zenza überließ sich dem schiebenden Gedränge, ratlos, was sie beginnen sollte. Das Heim der Domfrauen würde sie wohl bald erfragen können. Aber wie sollte sie ins Kloster gelangen? Wie sollte sie Gelegenheit finden, Gittli ohne Zeugen zu sprechen? Während sie grübelte, wurde sie gedrückt und geschoben; vom Hall der vielen Glocken begannen ihr die Ohren zu singen; und in dem hundertstimmigen Lärm, bei dem klappernden Getrappel der Pferde, bei dem Geschrei der vor den Hufen Flüchtenden wurde ihr völlig wirr und taub zu Sinne.
Schließlich stand sie mitten in dichtem Menschengewühl auf einem großen Platz; ringsum Kirchen und ragende Gebäude, alle reich geziert mit Fahnen, Bildern, kostbaren Teppichen und Stickereien, mit Birkenbäumchen, Laubgewinden und leuchtenden Blumen.
Das Geläut der Glocken hatte ausgesetzt; nun begann es wieder, mit ihm vermischten sich, aus einer nahen Gasse schallend, die schmetternden Klänge der Posaunen, die hellen Töne der Zinken, die dumpfen Wirbel der Pauken, dazu ein mächtig anwachsender Gesang von Kinder-, Frauen- und Männerstimmen, die durcheinanderflossen wie brausende Wellen. Vor Zenzas Augen, deren Herz erzitterte in frommem Schauer, entwickelte sich mit funkelnder Pracht die heilige Prozession. Voran auf weißen Rossen die Herolde in goldgestickten Wappenröcken, dann die bunt gewandete Truppe der Posaunenbläser, Zinkenisten und Pauker, eine Schar Kriegsknechte, ein rasselnder Reitertrupp, die Fronboten und alles Gesinde des erzbischöflichen Hofes, die Ritter im Scharlachkleid, die Räte in schwarzen Talaren und mit schweren Goldketten; auf tänzelnden Pferden die Lehensritter in funkelndem Harnisch und mit blanken Schwertern, welche blitzten in der hellen Sonne; eine schier endlose Reihe von Mönchen und Laienpriestern, flackernde Lichter tragend; zwischen allen Gruppen wehende Kirchenfahnen und gaukelnde Laternen, heilige Statuen und Reliquienschreine; und jetzt der Baldachin, strotzend von Gold, mit nickenden Federbüschen auf jeder Stange, behangen mit Bändern und Goldschnüren, deren Quasten in den Händen schmucker Edelknaben ruhten, umgeben von gepanzerten Wächtern, umwallt von duftenden Weihrauchwolken; und unter dem schwankenden ‚Himmel‘ die Domherren im goldschweren Levitenkleid, in ihrer Mitte Herr Heinrich von Pirnbrunn, der neuerwählte Erzbischof von Salzburg, die weiße, goldgebänderte Inful auf dem Haupt, um die Schultern den von edlen Steinen blitzenden Rauchmantel, in den Händen die strahlende Monstranz.
Es stockte der Zug, der Erzbischof bestieg die Stufen des unter freiem Himmel erbauten Altars, der Gesang verstummte, die Posaunen und Zinken schwiegen, das Geläut der Glocken setzte jählings aus, über dem von Farben, Silber, Gold und Sonne leuchtenden Platz lag atemlose Stille. Da schrillten die Klingeln, die Weihrauchwolken wallten, es hob sich die Monstranz, alles Volk sank auf die Knie, und an jede von Ehrfurcht und heiligem Schauer erfüllte Brust schlug dreimal die zitternde Faust: „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!“
Einen Augenblick — und alles war wieder Bewegung und Gewoge, Gesang und Tönen, Klang und Geläut, Funkeln und Geflimmer.
Du stiller, träumerischer Zauber der heidnischen Sonnwendnacht, wie hättest du nicht erblassen sollen vor dem Glanz und der Glorie dieses Tages, welchen Papst Johannes zum höchsten Fest der Christenheit erhoben hatte, um die „Herrlichkeit der Kirche auch vor den Augen ihrer Gegner zu offenbaren und deren Seelen zu erschüttern und zu gewinnen!“ —
Der Baldachin war an Zenza schon vorübergezogen, aber sie hatte immer noch zu schauen und zu staunen in Hülle und Fülle. Da kamen in prächtigen Gewändern die Edelherren und Edelfrauen, eine lange, lange Reihe. Dann wieder Mönche und Priester, singende Knaben und Mädchen. Und jetzt —
Durch Zenzas Herz zuckte ein heißer Schreck, und mit brennenden Augen starrte sie in den Zug.