26.
Bald nach dem Ostertag war im Berchtesgadener Klosterland ein neues Sprichwort aufgetaucht. Wenn Sturm und Regen sich über Nacht in einen sonnigen Tag verwandelten, dann hieß es: „Das Wetter hat sich gewendet wie der Klostervogt.“ Und in der Tat, Herr Schluttemann war kaum mehr zu erkennen; die Leute wußten es nicht genug zu rühmen, wie gut und freundlich der Vogt sie jetzt behandle. Mit rechten Dingen könne das nicht zugegangen sein; darüber waren sie alle einig. Und es verbreitete sich die Märe: Herr Schluttemann hätte an der Wand seiner Amtsstube einen ‚Zauber wider die Galle‘ hängen; wenn immer nur ein Fünklein Zorn in ihm aufstiege, dann täte er schnell einen Blick nach dem unheimlichen Ding an der Wand und wäre plötzlich verwandelt in die leibhaftige Sanftmut.
Der ‚Zauber‘ hing unter dem Bilde, das den heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen darstellte, und sah einem zierlich beschriebenen, unter geschnitztem Rahmen verwahrten Pergamentblatt zum Verwechseln ähnlich.
Als Herr Schluttemann in der Woche nach Ostern eines Morgens seine Amtsstube betrat, gewahrte er den ‚Zauber‘ an der Wand. Er trat mit verblüfften Augen näher, fuhr mit glühender Nase zurück und rannte wutschnaubend in das Gemach des Propstes.
„Reverendissime! Alles kocht in mir.“
„Weshalb?“ fragte Herr Heinrich lächelnd.
„Man hat mich beschimpft. Man hat mir einen schmählichen Possen angetan. Das Urteil, Reverendissime, das Urteil wider meine Hausfrau —“
„Das sie Euch an den Kopf gehauen?“
„Ja! Das hat man in meiner Amtsstub aufgehangen. Aber ich will nimmer schlafen, bis ich den gefunden, der mir das angetan hat.“
„Da braucht Ihr nicht lang zu suchen. Das hab ich selbst getan.“