Sie schwieg und betrachtete ihn noch immer mit einem halb scheuen, halb traulichen Blick.
„Dirn! Woher kommst du?“
„Von dort!“ sagte sie mit einer leisen, weichen Stimme und deutete nach der steilen Schneehalde, die sich hoch über dem Wald gegen die starre Felswand emporzog.
„Von dort?“ wiederholte Haymo und überflog mit ungläubigem Blick die zarte Gestalt des Mädchens. Dort oben war es ein mühsames und gefährliches Gehen. Ein falscher Tritt auf dem von Tauwasser und Föhnwind glattgewaschenen Schnee, und es ging bergab in sausender Fahrt. Wohin? Das blutige Bild, das Haymo auf diese stumme Frage vor seinen Augen auftauchen sah, weckte ein bedrückendes Gefühl in seiner Brust, und er sagte: „Dirn! Das war ein böser Weg. Sei froh, daß du heil zurück bist.“
Sie schüttelte den Kopf und lachte — ein hell klingendes Kinderlachen.
„Aber was hast du nur da droben gesucht?“
„Schneerosen,“ sagte sie und lüftete den Deckel an ihrem Körbchen, das zur Hälfte angefüllt war mit jenen zarten, weißen Blüten, die so schön und auch so kalt sind wie ein Wintermorgen. Dann wieder blickte das Mädchen lächelnd zu dem Jäger auf. „Es war eine rechte Plag! Seit dem Morgen bin ich auf den Füßen und hab doch kaum so viele Blumen gefunden, daß sie reichen für ein kleines Kränzl. Wir sind schon spät im Jahr, die meisten Stöck haben schon verblüht.“
„Für wen gehören die Rosen?“
„Für das Grab unseres lieben Herrn. Übermorgen ist Charfreitag.“
Eine Weile schwiegen die beiden. Haymo blickte zu dem leeren Kreuz empor; dann wieder sah er in die Augen des Mädchens und fragte: „Wer bist du?“