Dann bringt man drei andere. Die sind besser gewachsen, sehen kräftig aus. Zwei von ihnen sind verwundet, und die feldgraue Eskorte war so barmherzig, die Tornister dieser beiden dem dritten aufzuladen, einem festen und gesunden Kerl, der aber das harte Schleppen nicht zu lieben scheint. Er sieht sehr mißmutig drein und schwitzt unter den drei gewichtigen Tornistern wie ein Maulesel unter vielen Getreidesäcken. Dem vergönn' ich es. Jeder Tropfen seines Schweißes soll ihn brennen, wie Reue brennt!

Hinter uns verstummt das Kriegsgewitter von La Bassée. Weiter nördlich dröhnt es noch immer weiter. Schließlich übertönt das Geräusch des Wagens auch dieses ferne Murren.

Bei der Einfahrt in Lille ist der Abend noch hell, kaum sechs Uhr vorüber. Doch alle Läden sind schon geschlossen, die großen und hübschen Straßen sind völlig menschenleer. Das sonst so muntere Lille sieht aus wie eine Märchenstadt aus Tausendundeiner Nacht, wie eine Stadt der unsichtbaren Magier, wie die Stadt der verzauberten, in einen fernen Weiher verwunschenen Fische.

Mit dieser frühen Polizeistunde und dem Entgang des Abendbummels muß Lille jene Begriffsverwechslung büßen, deren es sich beim Durchzug der französischen Gefangenen schuldig machte.

Die gute Lehre wirkte bereits. Als vorgestern neuerdings dreihundert französische Gefangene durch die Straßen von Lille geführt wurden, benahm sich die einheimische Bevölkerung geradezu musterhaft. Eine Krankheit mag heißen, wie sie will – wenn man das richtige Medikament erwischt, so hilft es immer! –

Für heute genug! Morgen will ich zu erzählen versuchen, was ich gestern erlebte.

6.

14. März 1915.

Am Nachmittag des 10. März, als ich in La Bassée war und aus nördlicher Richtung schweren Kanonendonner vernahm, mußten die Deutschen nicht weit von Lorgies, in dem von zahlreichen Drainierungskanälen durchschnittenen Sumpfgelände von Neuve Chapelle, einen Schützengraben aufgeben, eine von jenen nassen »Mausfallen« und »Granatenschachteln«, die gegen schweres Artilleriefeuer nicht zu halten sind. Es handelte sich dabei um eine für die Kriegslage an der westlichen Front völlig bedeutungslose Sache, um jenes wechselnde, dem Schachspiel gleichende Hin und Her, das im Stellungskriege mehr durch die Bodenbeschaffenheit als durch ein Übergewicht militärischer Kräfte bestimmt wird. Man kann an den Verlust dieses Grabens vielleicht den Vorwurf knüpfen, daß die mißgünstige und unhaltbare Stellung nicht schon früher verbessert wurde. Aber nach vorwärts war Boden von verläßlicher Beschaffenheit nicht zu gewinnen, und nach rückwärts, wenn es sich auch nur um einen Kilometer handelt, korrigiert sich der Deutsche nicht gern. Nun mußte dies am 10. März unter dem Zwang eines wahrhaft höllischen Artilleriefeuers geschehen, und die Zähigkeit, mit der die Unseren die schwierige Stellung bis zum äußersten zu halten suchten, führte zu an sich nicht wesentlichen Verlusten.

Ich habe heute in Herlies und Illies viele von den Braven gesehen, die, bevor sie widerwillig den von der Vernunft befohlenen Rückzug aus diesem mörderischen Feuer begannen, viele Stunden unter einem grauenvollen Granatenregen ausgehalten hatten. Wären ihre Gesichter nicht so ernst gewesen, so hätte der wunderliche Anblick ihrer Kleider erheiternd wirken müssen. Die Leute sahen aus wie Soldaten, die sich als Kanarienvögel maskierten. Die Pikrindämpfe der englischen Granaten hatten die feldgrauen Uniformen zitronengelb gefärbt. Einer von diesen Tapferen sagte zu mir: »Ich will so brav werden, daß ich in den Himmel komme, denn ich weiß jetzt, wie es in der Hölle ist!« Ein anderer, dem von der Nervenüberspannung jener Glutstunden ein ruheloses Zucken der rechten Gesichtshälfte geblieben war, sagte wie ein Träumender: »Ich kann es noch immer nicht glauben, daß ich lebendig bin.« Und ein dritter, dem auch in solchen Stunden der Humor nicht völlig entronnen war, sah seine zitronengelbe Hose an und sagte lachend: »Wär's nicht so heiß gewesen, so hätte man glauben können, die Engländer schießen mit faulen Eiern.«