Neben der Rüsternallee gewahr' ich einen großen Granatentrichter, der nicht vorhanden war, als wir kamen. Nun sind wir wieder auf der Straße, fahren gegen Herlies und kommen nur langsam vorwärts inmitten dieses lärmenden Gewühls – nein, kein Gewühl ist das, nur Fülle mit allen Stimmen einer straffen Bewegung – alles geht in stählerner Festigkeit und Ordnung an uns vorüber, wie an einem eisernen Seil, rasch und doch in Ruhe, hin und her, voran und zurück.

Der deutsche Stolz erwacht in mir und weitet mir die Augen, weitet meine Brust. Im Auto stehend schau' ich mit einer freudigen Gier hinein in dieses regelfeste Gewimmel. Nebeneinander, in dreifacher Reihe, ziehen die beladenen Munitionskolonnen, die Feldküchenzüge und die Geschützbatterien vor uns hin, und Kolonnen mit leergewordenen Wagen traben gegen uns her. Inmitten dieses ohrenbetäubenden Geratters marschiert im Schnellschritt ein Bataillon Grenadiere, zieht sich zwischen den Wagenkolonnen schmal in die Länge und formiert sich wieder zu viermannsbreiten Reihen, sobald es Platz gewinnt. Immer hängt dabei die Orgel des Geschützkampfes wie ein tobendes Sommergewitter in den Lüften, deren wehende Schleier dünner werden und manchmal von der für uns unsichtbaren Sonne einen leuchtenden Hauch bekommen. Zur Rechten und Linken der Straße, bald ferner, bald näher, schlagen die Granaten in das kahle Feld. Erde wirbelt auf, die grauschwarzen Rauchbäume fahren in die Höhe, und wenn sie im Winde verwehen, lassen sie einen bitteren Geruch zurück. Es donnert und rollt und dröhnt. Doch unerschütterliche Ruhe bleibt in all den festen, gesunden Soldatengesichtern. Nur die Gäule werden ein bißchen zapplig und müssen fest an die Hand genommen werden. Und immer höre ich heitere Worte und häufig ein kräftiges Lachen – einer pfeift und der andere schwatzt, der eine hat den kurzen Stummel zwischen den Zähnen, der andere läßt sich die Zigarre schmecken, und neben unserem Auto rasselt ein Geschütz, dessen Bespannungsreiter und Kanoniere vierstimmig zusammen singen, halblaut, so daß es in dem knatternden Lärme kaum noch zu hören ist.

Schon sind wir bei den ersten in Scherben geschossenen Häusern von Herlies, zwischen unsagbar zerrupften Mauern, über deren zum Gerippe gewordenen Dächern der Ruinenstumpf des Kirchturms trauert. Da flattert in den dichten Soldatenreihen ein Wort von Mund zu Mund – »Flieger!« – und alle Gesichter sind nach aufwärts gehoben, ohne daß die Bewegung auf der Straße auch nur für eine Sekunde stockt. Jetzt seh' ich ihn auch. Und noch ein zweiter kommt. Das sind Engländer; aber ihre Flugzeuge tragen die französischen Farbenringe – in den Lüften macht es England nicht anders als auf dem Meere, borgt sogar manchmal die deutsche Fliegermarke, das Eiserne Kreuz! Nun verschwinden die zwei Flugzeuge in den hastig ziehenden Dünsten des Himmels – eines taucht wieder heraus, hängt weiß da droben unter einem Flecklein Blau, fast senkrecht über uns – und da ist mir, als zucke ein feiner, schwarzer, gedankenschneller Strich durch die Luft herab – – –

Geht die Welt zugrunde? Bricht die Erde entzwei? Stürzt mit Donnerdröhnen das Himmelsgewölbe herunter auf uns?

Ein paar Sekunden brauche ich, um meine Sinne wieder zusammenzufinden. Mir war's, als hätte die Fliegerbombe dicht neben uns eingeschlagen. Doch bis zu der Stelle, wo die schwarze, dem Qualm einer Brandstatt ähnliche Rauchwolke aufwirbelt, sind's fünfzig oder sechzig Meter hinüber. Die Bombe ist zwischen das Gewirre der Hausruinen gefallen und hat keinen Schaden an deutschem Leben angerichtet, nur an französischem Eigentum. Gott sei Dank! Die Feldgrauen lachen schon wieder – das ist ein anderes Lachen, als ich es in La Bassée von den erschrockenen Kindern hörte – es ist ein festes, ruhiges Männerlachen; dabei haben die Soldaten harte Arbeit, um die scheuenden Gäule zu bändigen.

Der Flieger kreist da droben in den Lüften – »dieses gottverwünschte Luder!« –, ein paarmal ist er senkrecht über uns, und eine herzzerdrückende Sorge um die Unseren befällt mich. Denn die Ruinengasse von Herlies ist so dicht mit Feldgrauen angefüllt, daß Schulter die Schulter berührt – wenn jetzt eine Fliegerbombe da herunterschlüge – ich kann's nicht ausdenken und muß für einen Moment die Augen schließen, wie der englische Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf. Nun geht durch die Reihen der Feldgrauen ein vergnügter Jubel hin – in den Lüften kracht es wie von einer großen Raketengarbe, zwischen den grauen Dünsten und unter den blauen Himmelsflecken pufft in rascher Folge ein Dutzend Schrapnellwolken auf – der Flieger saust in Windungen davon, höher steigend und sich niederwerfend und wieder aufwärts rudernd – einmal ist er von den Schrapnellwolken so dick eingewickelt, daß hundert Feldgraue zu jauchzen beginnen: »Jetzt kommt er, jetzt kommt er!« – da hüllen die grauen Dünste der Höhe den Vogel wieder ein, und er bleibt verschwunden.

Ich stehe beim letzten Hause von Herlies. Weiter darf ich nicht. Wohin soll ich die Augen schicken? Hinauf in die Lüfte, in denen es saust und dröhnt? Hinunter in das nahe Tal von Illies, in dem die großen Weiher der Überschwemmung umschleiert sind vom zerflatternden Granatenrauch? Hinüber zu den Schützenstellungen, wo die Maschinengewehre tacken und die Gewehrsalven knattern? Gegen die dunklen Wälder hin, in deren Schatten man schon die Flammenblitze der explodierenden Geschosse sieht? Oder zu den seltsam verdickten Hecken, hinter deren Stauden lange Munitionskolonnen, Haubitzenbatterien und Infanteriezüge sich decken und auf das Befehlswort harren? Oder soll ich nur dicht vor mich hin auf die Straße schauen, wo Glied um Glied die stählerne Kette der deutschen Kraft, der eiserne Riegel wider die Engländer an mir vorüberklirrt?

Tausende von den Unseren marschieren dem Feind entgegen – doch es kommen auch Feldgraue von da unten herauf, nicht in festgeschlossenen Zügen und nach dem Hundert, nur alle paar Minuten einer oder zwei zusammen. Keiner von ihnen hat ein Gewehr, jeder hat etwas Weißes an sich, am Kopf, am Hals oder an den Händen.

Einen, der ein verzerrtes Gesicht hat und die Zähne hart übereinanderbeißt, muß ich fragen: »Haben Sie Schmerzen?« Er schüttelt den Kopf. »Ick? Nee! Ick ärjere mir nur, daß sie mir fortjeschickt haben!« – Einer kommt, das Gesicht dick verbunden, man sieht nur die Nase und das geschwollene Maul; und knödelig fängt er von selber zu reden an: »Gelt, so was Saudumms!« Ein Bayer! Ich frage, was ihm geschehen ist? »Mei, es hat a bissel pressiert, und da hab' i mer beim Telephondrahtwickeln 's Messer durch 'n Backen durchig'stochen! Bluathimisakra! Jatz derfen die anderen ebbes loasten, und i muaß hoam! So was Saudumms! Glei' derreißen kunnt i mi! So was Saudumms!« – Einer kommt, der ein bißchen blaß ist und die beiden Hände vor sich hin hält, so wie man achtsam etwas Kostbares zu tragen pflegt; aber diese beiden Hände sind leer, sind dick umbunden, und alles Weiße des Verbandes ist dunkelrot geworden, und rote Tropfen fallen hinunter auf die Straße. Mir fährt ein leiser Laut aus der Kehle. Da lächelt der blasse Deutsche, sieht mich freundlich an und sagt mit Ruhe: »Det wird schun widder!«

Etwas Starkes und Stolzes und Wundervolles faßt mich und rüttelt mich an den Schultern, am Herzen, am ganzen Leibe – ich kann's nicht sagen – immer schreit es in mir: »Zu denen gehör' ich! Zu denen gehör' ich! Nimm mich, liebe Heimat, laß mir um deines Lebens willen die Haut von meinem Leibe reißen, fordere um deiner Zukunft willen den letzten Heller meiner Habe, und in Freude will ich sagen: Das wird schon wieder!«