– Noch ein bedenklicher Weg durch verwüstete Gassen; ein flinkes Springen von Deckung zu Deckung. Dann dröhnten die Granaten hinter uns, immer ferner. Und immer leiser wurde das Pfeifen der Sprungstücke.

Aus dem Ende einer Trümmerstraße traten wir hinaus auf das freie Feld zwischen der zerstörten Stadt und der nahen Bahnstrecke. Und da sah ich ein Frühlingsbild, dessen Grauen mich schaudern machte und dessen seltsame Schönheit mich doch überwältigte.

Zwischen mächtigen Wasserflächen, die vom lauen Winde gekräuselt waren und von Sonne blitzten, sah ich leichtgebuckelte grüne Wiesen. Ihre zarte Frühlingsfarbe schien tausendfältig überstreut zu sein von kleinen schwarz und weiß gesprenkelten Steinchen, von großen braunroten Knospen der Gänseblümchen und von weißen Herbstzeitlosen. Und je weiter die Wiesen sich in die Ferne dehnten, um so mehr der Herbstzeitlosen schienen da zu blühen; schließlich verschwand das Grün der Wiesen völlig und alle Ferne wurde weiß, gleich einem Schneefeld, das in der Sonne glänzt. Doch manchmal, wenn der Donner einer schweren Granate die Luft erschütterte, flogen die gesprenkelten Steinchen und die weißen Herbstzeitlosen in dichten Schwärmen von der Erde auf und waren Tausende von Kiebitzen und viele Tausende von Möwen. Nur die großen braunroten Knospen der Gänseblümchen blieben unbeweglich auf dem Boden und waren Hunderte von verwesenden Pferden und Rindern. Über ihnen gaukelten die Wolken der unzählbaren Vögel auf und nieder und hin und her. Und wenn das donnernde Rollen verstummte und die sonnige Luft wieder ruhig wurde, sanken die Vogelschwärme zu den Säumen der leuchtenden Wasserflächen und auf die grünen Wiesen hin und bedeckten alles Tote wie mit einem Blütenregen des ewigen Lebens.

An Somme und Oise

Von Ostende bis Arras

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Als erster Band der Kriegsberichte
von Ludwig Ganghofer erschien

Reise zur deutschen Front