Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhüllt mir alles Kommende. In der stahlblauen Dämmerung glänzen wieder die großen Streckenlaternen. Der Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit strahlenden Lichtern in der Dunkelheit.
Unter strömendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's über eine Brücke, so hört man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes. Draußen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hügelketten und die matt blinkenden Wasserflächen der großen, noch immer wachsenden Überschwemmung.
In einer Station bei längerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle aller Reisenden, die der Zug noch enthält. Der Offizier, der meinen Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: »Sie werden erwartet!«
Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Großen Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswürdiger Empfang. Es ist sieben Uhr abends. Für acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen.
Das Wetter will sich klären. Der Regen hat aufgehört. Helle Sterne glänzen aus den Wolkenklüften, während ich den großen, stillen Bahnhofplatz überschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorüber, und wie langgestreckte Lichtvögel flattern die Scheinbündel der Autolaternen in die Finsternis. Schlagbäume und Schilderhäuschen in den deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und überall ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall.
Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bäume strahlt eine Reihe von erleuchteten Fenstern.
3.
17. Januar 1915.
Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird; das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem.
Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« — so sagen unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen Leute — statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere Wendung »abgereist« — dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der Deutsche Kaiser, der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes, der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben.