Eine wichtige unerläßliche Forderung ist auch der obligatorische Zeichenunterricht in allen Klassen; er ist viel wichtiger als der Unterricht in fremden Sprachen.

Mit Utopien also hat man es hier nicht zu tun. Diese Gedanken haben z. T. die Proben schon bestanden. In die öffentlichen Massenschulen werden sie sich allerdings schwer übertragen lassen, aber deshalb sind sie nicht unbrauchbar. Man wird eben darauf zu sinnen haben, wie man sich den hier gesteckten Zielen auch in den öffentlichen Schulen nähern könne. »Wo ein Ziel ist, da ist auch ein Weg,« sagt man in England.

Wenn Kinder eignes Verlangen nach Erkenntnis haben, da soll man sie gewähren lassen und ihnen hilfreich entgegenkommen. Sie wollen ja geistig wachsen, und zwar jedes Kind auf seine Art, nach Maßgabe der ihm angeborenen Kräfte und Triebe. Sie fragen deshalb mehr, als ihnen alle Weisen der Welt beantworten können. Man warte daher, bis diese Wißbegier mit ihren Fragen sich meldet. Dann, aber dann erst belehre man sie!

In der Schule verfährt man anders. Man füttert, überfüttert sie dort geistig, ehe ein Hunger nach Erkenntnis verlangt. Schreien Kinder nach geistigem Brot, dann gebe man ihnen Brot, nicht aber Kuchen, Konfekt oder Medizin. Unsere Schulpädagogik kennt auch diese elementare Diätetik der Seele nicht. Sie ist eben ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung, nicht der biologisch-psychologischen Erkenntnis. Sie ist falsch von Grund auf.

Sie erzieht nur Lüge, weil sie vom Kinde Teilnahme fordert, wo keine da ist, keine da sein kann; sie macht die Kinder träge, weil sie in ihnen den eignen Erkenntnistrieb erstickt; sie macht sie stumm, weil sie ihnen zumutet, über Dinge zu sprechen und in einer Sprache darüber zu sprechen, die ihnen fremd und gleichgültig sind. Sie macht sie zu berechnenden Strebern, weil sie anstatt des Sachinteresses und der selbstlosen Hingabe an das Objekt, den Ehrgeiz, die Sucht nach Anerkennung und äußeren Nutzen setzt; sie nimmt den Kindern ihre natürliche Lebensfreudigkeit, weil sie sie aus ihrer Traum- und Spielwelt, aus ihrem sonnigen Kinderparadies vorzeitig in eine öde Welt von Gesetzen zwingt, von Dogmen und Regeln, die ihnen natürlich das Herz kalt und erstarren machen; sie zerstört ihnen oft sogar das häusliche Glück an der Seite ihrer Eltern und Geschwister, weil sie ihnen eine Menge von Pflichten auferlegt, die ihr junges zartes Gewissen zu schwer belasten und als Schulfurcht andere edle Regungen des Herzens verdrängen; sie nimmt ihnen das Köstlichste, was sie mit ins Leben bekommen, ihre Eigenart, um sie in das langweilige Schulschema einzuzwängen; sie fragt wenig nach Anlagen, Fähigkeiten, Neigungen und Stimmungen der Kinder und schätzt die Gebote der Schulorganisation und Schulverwaltung viel zu hoch ein.

Uns Eltern aber sind die Schulen gleichgültig, uns interessieren nur unsere Kinder. Was nützt es uns, wenn die Schulen blühen, unsere Kinder aber verblühen? Was nützen uns die glänzendsten Zeugnisse und die besten Examina, wenn dabei unsere Kinder nicht innerlich erstarken und reifen?

Bildung ist uns nicht die Hauptsache, sondern freie und vielseitige Entfaltung der Persönlichkeit. Bildung ist auch nichts Äußerliches. Man kann Bildung an einen Menschen nicht anwerfen wie Stuck an eine Hausfassade.

Unsere Schulpädagogik glaubt aber jedem jedes zu jeder Stunde nahebringen zu können. Die Sprache selbst verurteilt schon dieses Verfahren. Was man einem nahebringt, das ist und wird nicht dessen Besitz und Eigenstes, das haftet ihm bestenfalls nur äußerlich an und fällt ab, sobald die Natur sich selbständig äußert und entwickelt. Ja, man will in der Schule den Kindern sogar Dinge nahe- oder beibringen, die sie selbst schon besitzen und vielleicht in besserer, gewiß für sie und ihr Bedürfnis besserer Qualität, als das, was ihnen mühsam eingepaukt wird: Ich meine da vor allem die Muttersprache und den Sinn für Kunst jeder Art. Und alles das, was derart an die Kinder herangeschleppt wird, müssen sie hinunterwürgen. Warum? Weil es ihre Pflicht ist.

Die Pflichten, die wir der Jugend predigen wollen, lauten anders, etwa so, wie es Ellen Key formiert hat: