Abb. 71. Modekupfer zum Göttinger Taschenkalender. 1778. (E. 195.)

Abb. 72. Fortgang der Tugend und des Lasters. (E. 188.)
Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1778.

Abb. 73. Fortgang der Tugend und des Lasters. (E. 188.)
Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1778.

Christoph Friedrich Nicolai spielt in der deutschen Litteratur der fridericianischen Epoche eine ähnliche Rolle, wie Chodowiecki in der gleichzeitigen Kunst. Vom Buchhändlerlehrling zum Gelehrten aufgestiegen, suchte er in Verbindung mit Lessing und Moses Mendelssohn der neuen Aufklärung eine möglichst allgemeine Verbreitung zu geben. Die Forschungsergebnisse und Anschauungen der Gelehrtenwelt sollten eine läuternde Umwälzung des Denkens und Empfindens in den breitesten Volksschichten bewirken, und dieser Aufgabe dienten die von Nicolai herausgegebenen Zeitschriften ebenso wie seine Romane. So versucht er in dem „Leben und Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker“, die engherzige und heuchlerische protestantische Orthodoxie zu geißeln, die den Titelhelden, einen der neuen Denkart geneigten Dorfprediger, auf jede mögliche Weise zu drangsalieren versucht. Chodowiecki war bestrebt, die allzu nackt und grell hervorgekehrte Tendenz dieses Romans in seinen Illustrationen zu mildern. Die sentimentalen Scenen, wie die Vertreibung der Familie Nothanker aus dem Pfarrhause ([Abb. 56], E. 101), Sebaldus am Sterbebette seiner Gattin ([Abb. 57], E. 102) und die Schilderung der Notlage des Verfolgten, der schließlich Almosen anzunehmen sich gezwungen sieht ([Abb. 58], E. 157), gelingt dem Zeichner offenbar besser, als die Satire auf die hoffärtige Adelsgesellschaft ([Abb. 59], E. 104) und die streitsüchtige Geistlichkeit, deren Vertretern Nicolai lächerliche Namen wie Puddewustius, Buhkvedderius und Wulkenkragenius beigelegt hatte ([Abb. 61], E. 132). Weit feiner als dem Autor gelang es dem Zeichner, die Scheinheiligkeit und hohle Würde dieser Herren zu ironisieren — in dem zierlichen Blatt E. 122, das die „Kleidertrachten der berlinischen Prediger“ scheinbar ohne jeden tendenziösen Beigeschmack darstellt ([Abb. 60 a] u. [b]). Außer diesem dreibändigen Roman Nicolais, der sich einer großen Verbreitung und Anerkennung erfreute, illustrierte unser Künstler später noch zahlreiche andere von demselben Verfasser herausgegebene Schriften, wie die „Freuden des jungen Werther“, die dem beispiellos eingeschlagenen Erstlingsroman Goethes ein Paroli bieten sollten (E. 120), die Anekdoten von Friedrich II., ein Chodowiecki besonders willkommener Vorwurf, den „feynen kleynen Almanach“ (1777 E. 167) und zahlreiche Bände der „allgemeinen deutschen Bibliothek“, in deren einem (1776) wir auch ein Jugendporträt Goethes von Chodowieckis Hand (E. 166) vorfinden.

Abb. 74.
Bücherzeichen Chodowieckis. (E. 192.)