Bei uns sind alkoholhaltige Getränke die häufigsten, aber auch die ärmlichsten Erreger der künstlichen Ekstase. Dazu dient im Orient, dem der Alkohol nach dem Gebote des Propheten Muhammed in jeder Form versagt blieb, außer dem Haschisch auch das Opium. Es ist dies bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des Schlafmohns (Papaver somniferum), der ein Abkömmling des in den Mittelmeerländern, besonders Kleinasien, heimischen Papaver setigerum ist, der sich durch borstig behaarte Kelchblätter und Stengel von der kultivierten Art unterscheidet. Dieser wilden Urform stand, nach der Beschaffenheit der uns erhalten gebliebenen Samenkörner zu urteilen, noch der Mohn sehr nahe, den die neolithischen Pfahlbauern der Schweiz in ihren wenig sorgsam mit der Hacke bearbeiteten kleinen Feldern an den Seeufern pflanzten. Wie andere vorgeschichtliche Völker werden sie sich der Samen vorzugsweise als Ölspender, daneben aber auch noch als Heilmittel zur Betäubung von Schmerzen bedient haben, wie dies heute noch bei der Bauernbevölkerung auf dem Lande geschieht.

Bei den alten Griechen waren die jene Samenkörner bergenden Fruchtkapseln des Mohns die sinnbildlichen Attribute des Schlafgottes Morpheus. Also müssen sie schon früh die betäubende Wirkung dieser Samen und überhaupt der ganzen Pflanze gekannt haben. Doch bauten auch die Griechen der ältesten Zeit den Mohn nicht zur Opiumgewinnung, sondern zur Ernte seiner ölreichen Samen, wie heute noch die mitteleuropäische Bauernbevölkerung, an. Daneben mögen gelegentlich die schmerzlindernden Eigenschaften der verschiedenen Produkte der Pflanze benutzt worden sein; aber das waren große Ausnahmen. Der Mohn war ihnen eine Ölpflanze. Zu diesem Zwecke muß er schon wenigstens im 9. vorchristlichen Jahrhundert von Kleinasien her in Griechenland eingeführt worden sein; denn der im 8. vorchristlichen Jahrhundert in Böotien lebende Dichter Hesiod nennt uns in seiner Theogonie eine Ortschaft Mēkṓne, d. h. Mohnstadt, wohl von der dort besonders intensiv betriebenen Mohnkultur herrührend. Diese unweit von Korinth gelegene Ortschaft wurde dann später infolge ihrer ausgedehnten Gurkenkultur in Sikyon, d. h. Gurkenstadt umgetauft, als welche sie uns in geschichtlicher Zeit entgegentritt.

Es ist bemerkenswert, daß noch Hippokrates von Kos, der von 460–364 v. Chr. lebende größte griechische Arzt, das Opium nicht kannte, wenn er auch den Milchsaft opós der Blätter und Früchte als Linderungsmittel bei Schmerzen anwandte. Auch der Schüler des großen Aristoteles, Theophrastos (390–286 v. Chr.), kannte so wenig als die Hippokratiker das Opium, und wo er von mēkóneion spricht, meint er damit den betäubenden Milchsaft einer Wolfsmilchart (Euphorbia peplus). Erst im 3. vorchristlichen Jahrhundert scheint in Griechenland die Verwendung des durch Ritzen der unreifen Fruchtkapsel des Mohns gewonnenen Milchsafts als Arzneimittel aufgekommen zu sein. Wenigstens sind Diokles von Karystos und Herakleides von Tarent die ersten griechischen Ärzte, von denen berichtet wird, daß sie diese Droge zur Schmerzlinderung anwandten.

Das von der griechischen Bezeichnung dafür, nämlich opós Milchsaft, abgeleitete ópion übernahmen dann die Römer mit der Droge, deren Kenntnis ihnen die bei ihnen ihre Tätigkeit ausübenden griechischen Ärzte vermittelten. Zu Beginn der römischen Kaiserzeit wurde außer in Kleinasien besonders auch in Ägypten, später auch in Spanien und Nordafrika Opium gewonnen, wie wir von den damaligen Schriftstellern vernehmen. Zu Beginn des Mittelalters kam dann das Opium im Abendlande fast ganz außer Gebrauch, während es die arabischen Ärzte noch teilweise anwandten. Dafür wurden Abkochungen der Mohnkapseln, die für weniger gefährlich galten, benutzt. Erst im späteren Mittelalter kam das Opium im Abendlande wieder zur Benutzung, worüber das Nähere im Abschnitt über die Heilpflanzen mitgeteilt werden soll.

Für jetzt genüge die Feststellung der Tatsache, daß, wie schon im Altertum, so noch heute Kleinasien das beste Opium erzeugt. Dort wird die Kultur des Schlafmohns und die Gewinnung des Opiums aus dessen unreifen Fruchtkapseln in folgender Weise betrieben. Die einjährige Pflanze mit den hübschen, weiß bis violett gefärbten Blüten wird nach den Herbstregen in drei Perioden vom September bis März ausgesät, um so den Wechselfällen des Klimas zu begegnen und die Arbeitskräfte während einer längeren Periode auszunützen. Auf dem gut gedüngten Boden wächst die Pflanze rasch heran, erreicht die Höhe von 1 m und erzeugt durch reiche Verästelung 5–30 Blüten. Etwa 6–7 Tage nach dem Abfallen der Blumenblätter bekommen die jungen, grünen Fruchtkapseln einen bläulichweißen Anflug und sind zur Opiumernte recht. Nun muß die Arbeit in 8–10 Tagen vollendet werden, da sie später keinen Milchsaft mehr austreten lassen. Die Opiumgewinnung geschieht in der Weise, daß die grünen Fruchtkapseln in den Nachmittagsstunden mit einem Messer, dessen Klinge bis auf die Spitze mit Bindfaden umwickelt ist, mit mehreren wagrechten Schnitten angeritzt werden. Der dabei aus den Wunden austretende weiße Milchsaft gerinnt rasch an der Luft und nimmt eine gelbrötliche und zuletzt bräunliche Farbe an. Am folgenden Morgen wird er mit dem Messer vorsichtig abgelöst und auf ein Mohnblatt abgestrichen. Ist eine größere Masse beisammen, so knetet man daraus Kuchen von etwa 600 g Gewicht, die man in Mohnblätter einschlägt und im Schatten gut trocknen läßt, damit sie nicht später auf dem Transport faulen. Damit die Opiumbrote nicht zusammenkleben, werden sie durch dazwischen gestreute trockene Rumex- oder Sauerampferfrüchte getrennt. So werden sie in kleine Säcke und diese ihrerseits wieder in Körbe gepackt, die nach Smyrna oder Konstantinopel ausgeführt werden. Durchschnittlich produziert Kleinasien jährlich 400000 kg Opium. Doch unterliegen Erzeugung, Ausfuhr und Preis desselben starken Schwankungen, da der Ertrag der Fruchtkapseln an Milchsaft nach den Jahrgängen sehr ungleich ist. Je reifer die Frucht wird, eine um so geringere Saftmenge liefert sie. Doch hindert das Anschneiden der Milchsaftröhren in den Kapseln, die nach dem Abfallen der Blumenblätter prall gefüllt sind, die Früchte nicht am völligen Reifwerden; sie fallen nur etwas kleiner aus. Die Samen werden dann nach deren Reife geerntet und aus ihnen das Mohnöl als gutes Speisefett gewonnen.

Nach der Frühjahrsernte wird auf demselben Felde nach abermaliger reichlicher Düngung eine zweite Mohnkultur angelegt und im Herbste geerntet, und zwar erzeugt die Herbsternte den größten Teil des Ertrages. Nach Flückiger liefert eine Mohnkapsel in Kleinasien in ein bis drei Schnitten ungefähr 0,02 g Opium. Dabei ist es von Wichtigkeit, die Schnitte nicht zu tief zu machen und die Kapselwandung nicht zu durchschneiden, da sich sonst ein Teil des Milchsaftes ins Innere der Kapsel ergießt und für die Opiumgewinnung verloren geht. Auch würden derart geschädigte Kapseln keine Samen mehr reifen lassen. Zwischen dem Einschneiden, wozu in Persien und Indien besondere Messer mit bis zu fünf Klingen benutzt werden, und dem Sammeln des gebräunten Milchsaftes dürfen nicht mehr als 24 Stunden verstreichen. Die getrockneten Opiumkuchen sehen im Bruche zimtbraun aus, riechen stark narkotisch und schmecken bitter. Vielfach werden sie mit Mohnkapselpulver, Mehl, Aprikosen- und Feigenzusätzen, auch mit verschiedenen Gummiarten verfälscht. Außerdem wird auch besseres mit schlechterem Opium gemischt, um den medizinisch geforderten Morphingehalt von 10–20 Prozent aus dem gewöhnlich mehr davon enthaltenden Opium zu gewinnen.

Auch in Persien wird viel Opium erzeugt, das zum größten Teile im Lande selbst verbraucht wird, und zwar in Kuchen und Konfekt gegessen, nicht wie in China geraucht wird. Von der jährlichen Gesamtproduktion von Opium im Betrage von 23 Millionen kg erzeugt China 14 Millionen kg und Britisch-Ostindien 5,5 Millionen kg. Das Opium und seine Verwendung als Mittel zur Betäubung von Schmerzen und, unabhängig davon, zur Erlangung eines Zustandes von Entrücktsein, gelangte im frühen Mittelalter von Kleinasien nach Osten, wo es die haschischrauchenden Perser und Araber als afiun freudig aufnahmen und im 8. Jahrhundert weiter zu den Hindus gelangen ließen, die diese Droge als wertvolle Bereicherung ihres Arzneischatzes gern entgegennahmen. Durch die Inder, die dann bald auch die Mohnkultur selbst bei sich einführten, gelangte das Opium nach Hinterindien und in die malaiische Inselwelt und von da im Laufe des 10. Jahrhunderts als o-pién oder o-fu-yung nach China, wo es später eine außerordentliche Bedeutung erlangen sollte. Die frühesten Nachrichten über die Versendung indischen Opiums nach China verdanken wir dem Portugiesen Odoardo Barbosa, der bald nach Auffinden des Seeweges nach Ostindien nach Kalikut an der Malabarküste fuhr, um dort die Produkte Indiens an der Quelle einzuhandeln. Im Jahre 1516 berichtete er über die Erlebnisse seiner Reise und bemerkt, daß er außer kleinasiatischem zweierlei Arten indischen Opiums auf dem Markte von Kalikut vorfand. In demselben Jahre 1516 nennt der portugiesische Apotheker Pires Opium aus Cambaia und solches aus Cous, der heutigen Landschaft Kus Bahar im nordöstlichen Bengalen.

Die Sitte, Opium zu rauchen, erhielten die Chinesen aus Formosa, und die Bewohner dieser Insel sollen ihr Opium aus Java bezogen haben. Schon im 11. Jahrhundert soll in China selbst Mohn zur Gewinnung von Opium angebaut worden sein, aber er wurde ausschließlich für medizinische Zwecke verwendet. Im Pen-tsao-kung-mu, einem zwischen 1552 und 1578 verfaßten chinesischen Kräuterbuche, wird die Gewinnung des Opiums und seine Verwendung, aber nur eine solche als Medikament, beschrieben. In den Jahren 1589 und 1615 wird das Opium in chinesischen Arzneitarifen angeführt. Erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts kam das Opiumrauchen in weiteren Kreisen der Bevölkerung in China auf, wogegen 1729 von der Regierung aus ein strenges Verbot erlassen wurde. Trotzdem erlosch diese Unsitte nicht, sondern blühte im geheimen weiter und wurde bald wieder offenkundig betrieben. Die chinesische Regierung, welche die unheilvolle, entnervende Wirkung dieser Leidenschaft sehr wohl erkannte und ihr nach Möglichkeit entgegentrat, verbot in den Jahren 1799 und 1800 das Opiumrauchen abermals im ganzen Reiche aufs strengste und untersagte im Jahre 1820 auch die Einfuhr des Stoffes. Diese Maßregel traf aber in erster Linie die ostindische Handelskompagnie, die Opium in großen Mengen nach China importierte. Um nun den für sie äußerst gewinnbringenden Handel nicht zu verlieren, organisierte sie einen lebhaften Schmuggel dorthin. Die fortgesetzten Reibereien zwischen China, das den Opium nicht zulassen, und England, das um jeden Preis sein einträgliches Geschäft fortsetzen wollte, führten endlich im Jahre 1841 den berüchtigten Opiumkrieg herbei, durch dessen für England siegreiche Beendigung im Jahre 1842 durch den Vertrag von Nan-king China zwar nicht offiziell der Einfuhr des Opiums geöffnet wurde, doch aller von Indien gelieferter Opium in den chinesischen Vertragshäfen zur Einfuhr zugelassen werden mußte.

Infolge zunehmender Feindseligkeiten, die der üppiger als je emporblühende Opiumschmuggel nach China hervorrief, kam es im Jahre 1856 zu weiteren Feindseligkeiten und zu einer Intervention, wonach China 1860 die Einfuhr von Opium in sein Reich völlig freigeben mußte. Seither machten die Engländer mit ihrer Opiumausfuhr von Indien nach China famose Geschäfte, obschon China selbst eine Menge davon erzeugte, so daß allein die Provinzen Sze-tschwan und Yün-nan die Produktion Indiens darin übertreffen sollen. Zu den 14 Millionen kg, die im Lande selbst geerntet werden, liefert Ostindien noch über 5 Millionen kg, dazu noch Persien und Kleinasien, dessen Produkte als kinni, d. h. goldener Kot, besonders geschätzt werden, eine unbestimmte Menge. Das Hauptgebiet der indischen Opiumgewinnung ist Bengalen in Nordindien am Mittellaufe des Ganges um die Städte Bihar und Benares, wo über eine Million Bauern sich mit Mohnbau beschäftigen. Schon unter den muhammedanischen Herrschern Indiens war der Anbau von Mohn zur Gewinnung von Opium ein Monopol derselben, das diesen viel eintrug. Durch den Sieg des englischen Generals Clives bei Plassey im Jahre 1757 kamen die Besitzungen des Großmoguls und damit das Opiummonopol in die Hände der Engländer. Mit dem Jahre 1773 begann dann der indisch-chinesische Opiumhandel der englisch-ostindischen Kompagnie, den vorher die Portugiesen von Goa und die Holländer von Java aus betrieben hatten. Da nun in Indien die Opiumgewinnung heute noch ein Monopol der englischen Regierung ist, sind im ganzen Gebiete englische Beamte angestellt, die sämtliche Vorgänge von der Pflanzung des Mohns bis zur Ablieferung des fertigen Rohprodukts aufs strengste überwachen. Die indischen Bauern sammeln den Milchsaft in irdenen Gefäßen, um ihn an die Faktoreien der Regierung abzuliefern, wo er genau geprüft, durchknetet und zu Kugeln von etwa 15 cm Durchmesser und 1,5 kg Gewicht geformt wird. Diese werden auf Hürden getrocknet und, von einer dicken Hülle von Mohnblumenblättern umgeben, in Kisten verpackt.

Das Opiummonopol soll der Regierung des britischen Indien früher einen Reinertrag von 160 Millionen Mark jährlich gebracht haben. Doch hat diese sich unter dem Druck der öffentlichen Meinung dazu verstehen müssen, ihre Ausfuhr nach China in letzter Zeit immer mehr einzuschränken. Die chinesische Regierung hat nämlich im Jahre 1906 für das ganze Reich ein Gesetz erlassen, wonach von 1916 an kein Opium mehr geraucht oder sonstwie genossen werden darf; nur Männer über 60 Jahren, von denen man annimmt, daß sie dieser Gewohnheit nicht mehr entsagen können, dürfen seinem Genusse bis zu ihrem Tode in gewohnter Weise frönen.