Schon die Mitteleuropäer der jüngeren Steinzeit hatten außer verschiedenen Getreidearten wenigstens eine Art von Obstbäumen in Kulturpflege. Es waren dies Apfelbäume (Pirus malus), deren kleine, fast nur aus Kerngehäuse mit wenig, wohl noch recht säuerlichem Fruchtfleisch bestehenden Früchte sich verkohlt in den Überresten der meist durch Brand untergegangenen Pfahldörfer am Rand der Schweizer Seen vorfanden. Dank der konservierenden Moorerde, in der sie 5000 Jahre und mehr lagen, sind sie noch so vorzüglich erhalten, daß wir über diese älteste bei uns kultivierte Obstsorte recht gut unterrichtet sind. Es war ein überaus kleinfrüchtiger, noch sehr wenig durch Domestikation verbesserter Apfel, der neben dem Holzapfel des Waldes in ziemlichen Mengen geerntet wurde und mit den Haselnüssen und den Getreidearten als Vorrat für den Winter diente. Seltener ganz, meist halbiert müssen die Früchte an der Sonne gedörrt worden sein, um sie als willkommene Zukost zum Brot zu genießen.
Dieser noch kaum durch Kultur veredelte kleine Apfel der neolithischen Pfahlbauten war aber nicht etwa ein Abkömmling unseres wilden, sogenannten Holzapfels, der sich durch völlige Kahlheit der Blätter von allen Kulturformen unterscheidet, sondern gleichfalls wie die übrigen Kulturgüter jener Menschen ein Import aus Westasien. Und zwar scheinen vorzugsweise zwei Arten von Wildlingen durch Zuchtwahl und Kreuzung zur Bildung der ältest nachweisbaren Äpfelsorten beigetragen zu haben, nämlich einerseits der Strauchapfel (Pirus pumila) dem man noch häufig im Kaukasus und den südlichen Altaigebirgen wild wachsend begegnet, und andererseits eine Form aus Vorderasien, die auch noch in Kleinasien vorkommt, der filzigblätterige Apfel (Pirus dasyphylla). Dieser letztere gilt speziell als die Stammpflanze unserer Reinetten. Als weitere wichtige Stammeltern unserer heute zu so ansehnlicher Größe gediehenen und mit vorzüglichem, süßem bis saurem Fruchtfleisch versehen, auch wegen ihrer Haltbarkeit sehr geschätzten Speiseäpfel kommen noch der glattblätterige Apfel (Pirus silvestris) aus Westasien und der pflaumenblätterige Apfel (Pirus prunifolia) aus Mittelasien in Betracht. Letzterer, der in Nordchina, Südsibirien und der Tatarei seine Heimat hat und durch seine gelben bis blutroten Früchte ausgezeichnet ist, gilt als Stammform des Astrachaner Apfels und des russischen Eisapfels.
Der Kulturapfel, von dem heute über 600 verschiedene Arten bekannt sind, bildet in seiner ältesten Heimat Westasien gelegentlich kleine Wälder. Diese erstrecken sich nördlich von Kleinasien bis nach Zentralasien hinein. Er gedeiht nur in einem mäßig warmen Klima und konnte deshalb nicht allzuweit südlich vordringen. In kühleren Lagen Syriens gedeiht er noch, aber kaum mehr in Ägypten. So hat er im Lande der Pharaonen keinerlei Rolle gespielt und findet sich nirgends unter den Obstarten abgebildet, auch haben sich keinerlei Überreste von ihm in Gräbern gefunden. In den Hieroglyphentexten kommt nun einige Male das Wort dappich für eine Frucht vor, die man nur als Apfel deuten kann, um so mehr als der Apfel im Hebräischen tappuch und im Arabischen taffach heißt. Nun muß der Apfelbaum zur Zeit der 19. Dynastie (1350–1205 v. Chr.), also im neuen Reiche von Syrien her nach Ägypten eingeführt worden sein; denn Tempelinschriften in Theben tun uns kund, daß König Ramses II. (1292–1225), dessen wohlerhaltene Mumie sich im Museum von Bulak bei Kairo befindet, Apfelbäume in seinen Gärten im Delta pflanzen ließ. Und noch von Ramses III. der 20. Dynastie (1198–1167 v. Chr.) erfahren wir, daß er den Priestern des großen Ammontempels in Theben nicht weniger als 848 Körbe voll Äpfel als Opfergabe überreichen ließ. Aber was die königlichen Gärtner zustande brachten, das konnte nicht dem gemeinen Volke gelingen. Und so blieb der Apfelbaum dem ägyptischen Volke bis auf den heutigen Tag ein Fremdling, da er dort infolge der andauernden übergroßen Wärme keine Früchte mehr zeitigt.
Aus denselben Gründen ist der Apfelbaum auch den Bewohnern Palästinas mehr oder weniger fremd geblieben. Auch dort scheint er früher, so lange das Klima infolge der reicheren Bewaldung kühler war, in den höheren Lagen gut gediehen und auch Frucht getragen zu haben, wie wir verschiedenen Stellen des Alten Testaments entnehmen können. Aber mit dem Wärmer- und Trockenerwerden des Klimas war sein Schicksal in diesem Lande besiegelt. Dagegen sagten ihm die klimatischen Verhältnisse des gebirgigen Armenien und Kleinasien gut zu und so gedieh er hier vortrefflich und verbreitete sich über das ganze Land. Von Kleinasien her gelangte er schon gegen das Ende des vorletzten Jahrtausends v. Chr. nach Griechenland, wo er ziemlich viel kultiviert wurde. Nicht bloß in den homerischen Epen wird er erwähnt, sondern seine als mḗlon bezeichnete Frucht spielt auch im Mythos eine gewisse Rolle. So galt der aus dem Orient — angeblich Indien — über Kleinasien nach Griechenland gekommene Gott des Natursegens, Dionysos, wie als Schöpfer des Weinstocks, so auch als derjenige des Apfelbaums, den er der Liebesgöttin Aphrodite schenkte. Dadurch wurde der Apfel zum Sinnbilde der Liebe. Aphrodite ihrerseits schenkte drei goldene Äpfel dem Hippomenes, mit denen dieser die schnellfüßige Atalante zum Weibe gewann. Eris aber erregte durch den goldenen Apfel, den sie an der Hochzeit des Peleus und der Thetis unter die Gäste warf, die Eifersucht der drei ersten Göttinnen, woher der Ausdruck Erisapfel im Sinne von Zankapfel stammt. Eine ähnliche Rolle spielte der Apfel in der bekannten Geschichte, in welcher Paris, der Sohn des trojanischen Königs Priamos, unter denselben drei Göttinnen die Wahl zu treffen hatte und ihn als Siegespreis der Schönsten derselben, Aphrodite, darbot. Die goldenen Äpfel der Hesperiden aber hatte Gäa, die Mutter Erde, der Hera bei der Vermählung derselben mit Zeus als Symbol der Fruchtbarkeit geschenkt. Herakles holte sie im Lande der Hyperboräer, wo sie von drei der Hesperiden und vom hundertköpfigen Drachen Ladon bewacht wurden.
Eine noch weitere Verbreitung als bei den Griechen fand die Kultur des Apfelbaums bei den Römern, die die Frucht in Anlehnung an das griechische mḗlon malum nannten. Schon der ältere Cato (234–149 v. Chr.) meldet uns in seiner Schrift über den Landbau, daß die Apfelbäume in Pflanzschulen gesät und später gepfropft würden. Um die Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts sagt der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Es gibt sehr viele Sorten Äpfel, die man alle mit verschiedenen Namen bezeichnet, und manche haben den Mann, der sie erzeugte, andere ihre Heimat berühmt gemacht. Die sogenannten appianischen Äpfel hat ein Mann namens Appius, aus der Familie des Appius Claudius (der 312 v. Chr. Zensor war und die berühmte, von Rom nach Capua führende, später bis Brundisium, dem heutigen Brindisi, verlängerte, nach ihm benannte Straße anlegte) dadurch erzeugt, daß er Äpfel auf Quittenstämme pfropfte. Sie haben den Geruch der Quitten. Es gibt auch Äpfel, die blutrot sind, was davon herrührt, daß sie auf einen Maulbeerstamm gepfropft wurden. (Natürlich sind diese Erklärungen falsch.) Im allgemeinen röten sich die Äpfel auf der Sonnenseite. Aus allen Apfelsorten bereitet man Wein. Die wilden Äpfel haben einen sauern Geschmack und jeder saure Apfel ist imstande, durch seine Säure die Schärfe eines Schwertes stumpf zu machen.“
Auch sein Zeitgenosse, der aus Spanien nach Rom gekommene Ackerbauschriftsteller Columella sagt: „Es gibt sehr verschiedene Sorten Äpfel; sie schmecken gut und befördern die Gesundheit.“ Und der aus Pergamon gebürtige griechische Arzt Claudios Galenos (131–200 n. Chr.) meint: „Unreife Äpfel sind zwar durchaus schädlich, reife dagegen roh, gebraten und gekocht sehr gesund.“ Sie wurden gerne als Wintervorrat aufbewahrt. Wie man dies zu tun habe, darüber schreibt der überaus gelehrte und fruchtbare römische Schriftsteller Marcus Terentius Varro (116–27 v. Chr.) in seiner Schrift über den Landbau: „Die dauerhaften Apfelsorten wie beide Quittensorten (die Birnen- und Apfelquitten) müssen an einem trockenen, kühlen Orte auf Spreu liegend aufbewahrt werden. Beim Bau der Obstkammer (oporotheca, von den Griechen entlehnt) muß von vornherein dafür besorgt sein, daß ihre Fenster nach Norden stehen und daß der (kühle) Nordwind Einlaß habe; jedoch müssen die Fenster für gewöhnlich mit Läden geschlossen sein, weil allzuviel Wind das Obst austrocknet und welk macht. Man gibt auch der Decke, den Wänden, dem Boden einen marmorartigen Überzug (von Stuck), damit sie desto kühler sind. Manche richten die Obstkammer so ein, daß sie darin speisen, und sich dabei an der Pracht der dort lagernden Früchte ergötzen können. Es gibt freilich Leute in Rom, die das Obst kaufen, statt es selbst zu ziehen, und schmücken damit ihre Obstkammer; das sollte man nicht nachahmen. Die Äpfel legt man in der Obstkammer auf Bretter oder auf Stroh oder auf Wollflocken, die Granatäpfel in Fässer, die mit Sand gefüllt sind, die Quitten werden schwebend aufgehängt, Birnen werden in (durch Kochen) eingedickten Weinmost gelegt; Spierlingsfrüchte (sorbum von Sorbus domestica) und Birnen werden auch zerschnitten und an der Sonne getrocknet, die ersteren halten sich auch an jedem trockenen Orte lange frisch. Rüben werden in Senf, Walnüsse in Sand gelegt.“
Der ältere Cato (234–149 v. Chr.) verlangt von der Wirtschafterin, die das Hauswesen im Landhause (villa) besorgt und für alle Bewohner derselben kocht, sie müsse viele Hühner und Eier im Vorrat halten. „Ferner muß sie getrocknete Birnen, Spierlingsfrüchte, Feigen, getrocknete Weinbeeren, in eingedicktem Most liegende Spierlingsfrüchte, auch Birnen und Trauben in Fässern, ebenso Quitten vorrätig haben. Sie muß Trauben haben, die in Weinmost, in Krügen und in der Erde aufbewahrt werden. Außerdem muß sie frische pränestische Nüsse im Krug unter der Erde, scantianische Äpfel in Fässern und andere Obstarten, die man aufzubewahren pflegt, auch wilde, haben.“ Außerdem verlangt er von ihr, sie müsse die Kunst Mehl und Schrot, die damals noch von jeder Haushaltung selbst hergestellt wurden, zu machen verstehen, dürfe keine Schwätzerin sein und sich mit den Nachbarinnen umhertreiben, auch ohne Befehl des Hausherrn oder der Hausfrau nicht opfern, solle reinlich sein und auch die Villa rein halten, täglich, bevor sie zu Bett gehe, den Herd reinigen, an Festen den Herd bekränzen und an diesen Tagen dem Hausgotte opfern.
Von den in der späteren Kaiserzeit unterschiedenen 29 Äpfelsorten gediehen die berühmtesten bei der Stadt Abella in Kampanien, die jedenfalls hier eine sehr alte, schon von den Kelten betriebene Äpfelkultur besaß; denn ihren Namen wird sie von der keltischen Bezeichnung aball für Äpfel erhalten haben. Der römische Ackerbauschriftsteller Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. sagt von den Apfelbäumen: „Es gibt deren viele Sorten, und es wäre zu weitläufig, sie aufzuzählen. Sie lieben einen kräftigen, fetten Boden, der nicht durch Bewässerung, sondern von Natur feucht ist; besteht er aber aus trockenem Sand oder Ton, so tut die Bewässerung gut. An kalten Orten setzt man sie auf die Südseite der Berge. Man braucht die Erde um sie weder durch Ackern, noch durch Graben aufzulockern; daher passen sie gut auf Wiesen. Mist verlangen sie zwar nicht, nehmen ihn aber gerne an, auch kann er mit Asche gemischt sein. Beim Beschneiden nimmt man am besten nur was trocken oder falsch gewachsen ist weg. Der Apfelbaum dauert nicht so viele Jahre wie der Birnbaum. Läßt er seine Äpfel vor der Zeit der Reife fallen, so spaltet man eine Wurzel und keilt einen Stein in den Spalt (natürlich ist dies Unsinn). Hängen die Äpfel in zu großer Zahl am Baum, so nimmt man die schlechtesten weg (damit sich die anderen umso schöner entwickeln). Die Zeit der Veredlung ist der Februar und März. Apfelreiser gedeihen auf Apfel- und Birnbäumen, Weißdorn, Pflaume, Spierling, Pfirsich, Platane, Pappel, Weide. — Die Äpfel, welche aufbewahrt werden sollen, müssen sorgfältig ausgelesen werden. Man legt sie an einem dunkeln, windfreien Orte in abgesonderten Haufen auf Stroh und teilt die Haufen oft. Manche schließen sie auch in ausgepichte große Tonkrüge, deren Deckel mit Gips verstrichen wird, oder hüllen sie in Ton oder bestreichen nur die Stiele mit Ton, oder legen sie auf Hürden, die mit Spreu belegt sind, oder decken sie von oben mit Stroh. Die sogenannten Kugeläpfel kann man ohne weiteres ein ganzes Jahr aufbewahren. Manche Leute senken auch die in gut ausgepichten und verpichten Gefäßen befindlichen Äpfel unter Wasser. Andere nehmen die Äpfel einzeln vom Baum, tauchen ihre Stiele in siedendes Pech, legen sie reihenweise auf die Gestelle und decken sie mit Nußblättern. Viele legen sie zwischen Sägespäne von Pappel- oder Tannenholz. Es ist bekannt, daß man die Äpfel so legen muß, daß der Stiel unten ist, und daß man sie nicht eher anrühren darf, als bis man sie braucht. Auch Wein und Essig wird aus Äpfeln wie Birnen gemacht.“
Die von ihnen in Italien angepflanzten besseren Äpfelsorten brachten die Römer mit den übrigen von ihnen verbreiteten Obstsorten auch über die Alpen nach Gallien und Germanien. Hier gab es zwar bereits kultivierte Äpfel, aber doch noch nicht so feine Arten, wie sie die Römer aus Italien mitbrachten, auch kannte man noch nicht die von jenen geübten Methoden der Veredelung des Obstes durch Pfropfen. In allen von den Römern beeinflußten romanischen und germanischen Sprachen führen sowohl die Obstarten als auch die Ausdrücke für ihre Veredelung (wie impfen, aus dem lateinischen impu(t)are) ausnahmslos Namen, die aus dem Lateinischen entlehnt sind. Nur ein Obstname, nämlich derjenige des Apfels, ist in den Sprachen Mitteleuropas nicht aus dem Lateinischen entlehnt, sondern altes Erbgut der hier ansässigen Stämme. Er lautet althochdeutsch apful, nordisch appel, urkeltisch aball, altslawisch jabluko. Es ist deshalb anzunehmen, daß der Apfel, die einzige Obstart, für die sich beim Eindringen der römischen Obstkultur in den ersten Jahrhunderten nach Christus der altangestammte Name in Germanien behauptete, hier schon in einer seit der Pfahlbauzeit erhalten gebliebenen kultivierten, wenn auch minderwertigen Art bekannt war, die sich allerdings ganz wesentlich vom römischen Apfel unterschied. Er spielte in der Mythologie der alten Deutschen eine nicht unbedeutende Rolle, indem er nach altgermanischer Vorstellung als Symbol der Mutterbrust und der nährenden Liebe galt. In der nordischen Mythologie sind Äpfel die Speise der Asen, des mächtigsten Göttergeschlechts, das von den Riesen seinen Ursprung nahm. Iduna war ihre Bewahrerin und sie besaßen die Kraft, den zu verjüngen, der sie aß.