Während der 6. Dynastie (2625–2475 v. Chr.) waren die Gaufürsten von Elephantine die Erforscher der südlich und östlich von Ägypten gelegenen Länder und führen in ihren Grabinschriften den Titel „Karawanenführer, der seinem Herrn die Erzeugnisse der Fremdländer überbringt“. Einer derselben, namens Harchuf, brachte dem König Phiops II. einen Zwerg aus dem Lande Punt mit, wofür er von jenem einen Anerkennungsbrief erhielt, auf den er so stolz war, daß er ihn auf der Vorderseite seines Grabes bei Assuan einmeißeln ließ als ein Zeichen der großen Gunst, die er beim Könige genoß. Von einer größeren Expedition nach dem Lande Punt erfahren wir erst wieder während der 18. Dynastie. Veranlaßt wurde sie von der energischen Tochter und Erbin Thutmosis I., Hatschepsut, die mit ihrem Halbbruder Thutmosis II. verheiratet war und nach dessen Tode von 1516–1481 v. Chr. selbständig regierte. Um die oberste der drei Terrassen ihres Grabtempels in Der el Bahri westlich von Theben mit den Bäumen, die den Weihrauch, das heilige anti, hervorbrachten, zu schmücken, entsandte sie eine Expedition nach dem Gotteslande Punt, deren Einzelheiten sie in Inschriften und äußerst lebendigen szenischen Darstellungen an den Wänden eben jener Tempelhalle schildern ließ. Im neunten Jahre ihrer Regierung lief die aus fünf großen Seeschiffen bestehende Flotte durch einen Kanal im östlichen Delta ins Rote Meer aus und fuhr südwärts nach dem Lande Punt. Dort angekommen, wurde der ägyptische Admiral vom Fürsten Parihu, seiner Frau Ati, zwei Söhnen und einer Tochter aufs freundlichste aufgenommen. Nach dem Austausch der üblichen Geschenke und der Aufstellung der mitgebrachten Statuen der Königin und der beiden Hauptgötter Ägyptens, Amon und Ra, wurden die gewünschten Produkte des Landes Punt gegen die von zu Hause mitgebrachten Waren getauscht. Eine Darstellung mit der erklärenden Inschrift „Belasten der Transportschiffe“ zeigt uns das Einladen der Waren mit allen Details. Wir sehen darauf, wie ägyptische Matrosen bemüht sind, drei in Kübeln gepflanzte, blattlos gezeichnete, starkstämmige, knorrige Bäume, die ausdrücklich als anti, d. h. Weihrauchbäume, bezeichnet werden,[2] die Landungsbrücke hinauf auf das Verdeck des Schiffes zu tragen, wo bereits fünf andere solche Weihrauchbäume zwischen den aufgestapelten Schätzen sichtbar sind.
Die sechszeilige, hieroglyphische Inschrift erklärt den Vorgang in folgender Weise: „Das Belasten der Transportschiffe mit einer großen Menge von herrlichen Produkten Arabiens, mit allen kostbaren Hölzern des heiligen Landes, mit Haufen von Weihrauchharz, mit grünenden Weihrauchbäumen, mit Ebenholz, mit reinem Elfenbein, mit Gold und Silber aus dem Lande Amu, mit dem wohlriechenden Tesepholze, mit Kassiarinde (Zimtkassia), mit Ahamweihrauch (vom Balsambaum), mit Mestemschminke, mit Anāuaffen (Cynocephalus hamadryas), Kophaffen (Cynocephalus babuinus) und Tesemtieren, mit Fellen von Leoparden des Südens, mit Frauen und ihren Kindern. Niemals ist gemacht worden ein Transport gleich diesem von irgend einer Königin seit Erschaffung des Weltalls.“
Wie werden die Einwohner Thebens gestaunt haben, als diese seltsamen Dinge alle vom ägyptischen Befehlshaber „Ihrer Majestät“ überbracht wurden! Die Weihrauchbäume aber ließ sie, 31 an der Zahl, auf der obersten Terrasse ihres schönen Totentempels dem Gotte Amon zu Ehren aufstellen und rühmt sich in der Inschrift: „Ich habe ihm ein Punt gemacht in seinem Garten, wie er mir befohlen hatte..., es ist groß genug für ihn, um sich darin zu ergehen.“ Neuerdings hat man hinter diesem ihrem Totentempel, in welchem ihr und ihrem Vater der übliche Totendienst abgehalten wurde, ihr und nicht weit davon ihres Vaters Grab gefunden.
Die Beziehungen zum Lande Punt blieben auch unter ihren Nachfolgern der 18. und 19. Dynastie erhalten und öfter melden uns die Inschriften an den Tempelwänden von Expeditionen dahin. So lieferte der Handel mit Punt Thutmosis III., der 54 Jahre, und zwar wie astronomisch bestimmt wurde, vom 3. Mai 1501 bis zum 17. März 1447 v. Chr. regierte, regelmäßige und reiche Einkünfte. Auch Haremheb, der von 1350–1315 über Ägypten herrschende Begründer der 19. Dynastie, entsandte nach einer urkundlichen Inschrift an den Wänden seiner Grabkammer eine erfolgreiche Expedition nach Punt. Dies wiederholten seine großen Nachfolger, vor allen Sethos I. (1313–1292) und Ramses II. (1292–1225 v. Chr.). Besonders unter letzterem muß ein reger Schiffsverkehr nicht nur im östlichen Mittelmeer, sondern auch durch den Süßwasserkanal der Landenge von Suez nach den Küsten des Roten Meeres stattgefunden haben. Aber nicht nur jene machtvollen Könige, sondern auch die reichen Priesterschaften der großen Tempel des Amon, Ra und Ptah besonders in der Reichshauptstadt Theben besaßen ihre eigenen Flotten auf dem Mittelmeer und im Roten Meere, welche, wie die Inschriften melden, „die Erzeugnisse von Phönikien, Syrien und Punt in die Schatzkammern des Gottes lieferten“. Es muß also damals die Schiffahrt in Ägypten in größerem Maßstab als je zuvor betrieben worden sein.
Bild 69 u. 70. Die Weihrauchexpedition der Königin Hatschepsut. Oben: Ankunft der Flotte im Lande Punt. Die Schiffe sind an am Ufer stehende Bäume gebunden worden. Unten: Die Schiffe werden mit Weihrauchbäumen, Weihrauch in Säcken, Affen und anderen Schätzen des Landes beladen. (Nach Dümichen.)
Später hat dann der dritte König von Israel, Salomo (993–953), unter dem die jüdische Königsmacht ihren höchsten äußeren Glanz erreichte, wohl in Nachahmung der ägyptischen Herrscher, ebenfalls eine Handelsexpedition nach Punt und darüber hinaus nach dem Goldlande Ophir, das wir neuesten Feststellungen zufolge in Rhodesia zu suchen haben, entsandt. Die von ihm in Ezeon-Geber im Lande der Edomiter am Ufer des Schilfmeeres erbauten Schiffe bemannte er mit der Schiffahrt kundigen Knechten des phönikischen Königs Hiram von Tyrus, seines Bundesgenossen. Jene Expedition brachte dem Salomo 420 Zentner Gold, und da sie sich so überaus rentabel erwies, ließ er sie mehrfach wiederholen. So heißt es in 1. Könige 26–28, wo ausführlich darüber berichtet wird: „Die Schiffe Salomos aber kamen in dreien Jahren einmal und brachten Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen“ — letztere von indischen Kaufleuten eingetauscht. Auch die Königin von Saba „aus dem Lande Reich-Arabien“ — wahrscheinlich die Königin Bilkis der sabatäischen Inschriften — kam, wie in 1. Könige 10, 2 zu lesen ist, „gen Jerusalem mit sehr viel Volk mit Kamelen, die Spezerei trugen und viel Goldes und Edelgestein“. Es sind dies dieselben Dinge, die bis dahin die Minäer aus dem Lande Punt nach Ägypten und Syrien verhandelt hatten. Später ließ dann auch der ägyptische König Nekau der 26. Dynastie — der Pharao Necho der Bibel (612–596 v. Chr.) —, dessen Schiffe im Mittelmeere und im Roten Meere fuhren, und der den Kanal von Bubastis nach Suez wollte erneuern lassen, von ihm dienstbaren phönikischen Schiffsleuten ganz Afrika umfahren. Jedenfalls sind jene damals auch in das Innere, nach Rhodesia, gelangt, wo man in den Ruinen von Simbabwe allerlei phönikische und ägyptische Altertümer fand. Das war die letzte Umseglung Afrikas, von der wir wissen, vor derjenigen Vasco da Gamas im Jahre 1497; denn die um 460 v. Chr. unternommene Afrikafahrt des karthagisch-punischen Admirals Hanno die Westküste Afrikas entlang, wobei er die ersten Gorillas zu Gesicht bekam, endete vor der Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung.
Tafel 117.